Helgard Haug

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Helgard Haug ist Autorin und Regisseurin. 

Sie hatte schon einen Studienplatz für Meeresbiologie, entschied sich dann aber doch, Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen zu studieren.

Dort begann sie in kollektiven Strukturen zu arbeiten und entwickelte u.a. eine Projektreihe mit Marcus Dross und Daniel Wetzel, zu der auch das Stück “Bei wieviel Lux schalten Wurst und Schumacher das Licht ein?” gehörte. Dabei erklärten sie die Arbeit der Ingenieure in der Frankfurter Netzleitstelle zum Theaterstück: Highlight und Katharsis fielen zusammen, als das Straßenlicht der gesamten Stadt eingeschaltet wurde. 

Neben den performativen Projekten entstanden ab 1998 zunehmend auch Arbeiten im Bereich der Fotografie und Bildenden Kunst. So stellte sie in Zusammenarbeit mit einem Parfumeur den Geruch der Berliner U-Bahnstation Alexanderplatz nach, den sich die Menschen unter dem Namen “U-deur” an einem Automaten der Station ziehen konnten. 

2000 fand die erste gemeinsame Arbeit mit Stefan Kaegi und Daniel Wetzel statt, in der sie vier über 80 Jahre alte Damen auf die Bühne einluden, um mit ihnen das Stück “Kreuzworträtsel Boxenstopp” über Beschleunigung und Entschleunigung zu machen. 

Zwei Jahre später gründeten die Drei Rimini Protokoll und arbeiten seither in unterschiedlichen Konstellationen unter diesem Label. Größere mediale Aufmerksamkeit erlangten sie erstmals mit "Deutschland 2", der Kopie einer kompletten Bundestagssitzung mit 200 Bonner Bürger*innen. 

Sie inszenierten mit fünf Expert*innen mitteleuropäischer Todesarten das Stück  "Deadline" und rekonstruierten mit „Sabenation - go home and follow the news" den Bankrott der belgischen Fluglinie Sabena in Brüssel. 

Für Inszenierungen wie “Wallenstein”, “Karl Marx: Das Kapital, Erster Band”, oder “Adolf Hitler: Mein Kampf Band 1 & 2”, brachten Haug und Wetzel Expert*innen aus unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Milieus zusammen. Sie arrangierten deren Biografien und ihre Beziehungen zu den Werken unnd ermöglichten dadurch neue Perspektiven und Rezeptionsmöglichkeiten. Als sie 2007 für “Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“ mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurden, löste dies eine weitreichende Debatte über neue Autoren*innenschaften und postdramatisches Theater aus.

Weiter entstanden Stücke, die das Publikum aus dem Theater in die Stadt lockten, wie das aus einem indischen Call Centre live geführte Telefongespräch in "Call Cutta in a Box“ oder "Hauptversammlung", eine parasitäre Intervention anlässlich der Aktionärsversammlung der Daimler AG. In "DO’s & DON’Ts“ lud Helgard Haug gemeinsam mit Jörg Karrenbauer und Aljoscha Begrich das Publikum in einen LKW ein, der zu einem mobilen Zuschauerraum umgebaut worden war. Das Stück ermöglichte einen Blick auf das Regelwerk unseres urbanen Zusammenlebens durch die Augen von Kindern und Jugendlichen.

Im April 2019 inszenierte Haug „Chinchilla Arschloch, waswas“: Im Zentrum stehen drei Protagonisten, die vom Tourette-Syndrom betroffen sind und das Theater einem Stresstest unterziehen. 

Seit 2000 entwickelt sie überdies zahlreiche Hörspielarbeiten, von denen viele im Kontext der Theaterprojekte von Rimini Protokoll entstanden sind aber auch mehrfach in Zusammenarbeit mit Thilo Guschas und anderen.   

Neben ihrer künstlerischen Arbeit ist Helgard Haug regelmäßig als Jurorin und Dozentin tätig. Stationen umfassten unter anderem die Christoph-Schlingensief-Gastprofessur für Szenische Forschung an der Ruhr Universität Bochum, die Danish School of Performing Arts, die Zürcher Hochschule der Künste, die University of Hawai’i, die Iuav University of Venice, die UdK Berlin und die Filmuniversität Babelsberg. 

2012 wurden Rimini Protokoll auf die erste Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik berufen.

Helgard Haug und Rimini Protokoll wurden für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielten sie 2007 den FAUST-Theaterpreis. 2008 wurde Rimini Protokoll mit dem Europäischen Theaterpreis in Thessaloniki gekürt. 2011 wurde das Gesamtwerk von Rimini Protokoll mit dem Silbernen Löwe der 41. Theaterbiennale Venedig ausgezeichnet.

Die Stücke „Deadline“ (2004), „Wallenstein – eine dokumentarische Inszenierung“ (2006) und „Situation Rooms“ (2013) wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Die Multiplayer Videoinstallation "Situation Rooms" wurde auch mit dem "Excellence"-Award des 17. Japan Media Arts Festivals ausgezeichnet.

Von ihren Stücken wurde "Shooting Bourbaki" 2003 mit dem NRW-Impulse-Preis ausgezeichnet, "Schwarzenbergplatz" 2005 für den Österreichischen Theaterpreis Nestroy nominiert und  eingeladen.

Ihr Stück "Qualitätskontrolle" wurde für den Mülheimer Dramatikerpreis 2014 nominiert und mit dem Publikumspreis geehrt.

Helgard Haug wurde auch für ihre Hörspielarbeiten mehrfach ausgezeichnet: u.a. erhielt sie 2008 den Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“.  „Qualitätskontrolle oder warum ich die Räuspertaste nicht drücke“ wurde mit dem Hörspielpreis der ARD 2014, dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik 2014, sowie dem Hörbuchpreis der ARD 2015.