Der kaukasische Kreidekreis

Nach Bertolt Brecht in einer Fassung von Helgard Haug mit dem Theater HORA. Musik von Barbara Morgenstern unter Verwendung von Motiven von Paul Dessau

Von Helgard Haug / Theater Hora

„Gut, ich mach die Probe noch einmal, daß ich’s endgültig hab“, sagt der Richter Azdak, bevor er das Kind ein zweites Mal in den Kreidekreis bittet und die beiden Mütter ein zweites Mal auffordert, zu beweisen, welche die wahre sei. — Soweit ist das Stück bekannt. Eine Sage, „eine sehr alte“. Auch der Ausgang dieser Probe ist bekannt: Der „mütterlichen“, nicht der „amtlichen“ Frau wird das Kind zugesprochen.
Was aber, wenn dem Kind die Wahl übertragen wird? Zwei Mütter bieten sich an, konkurrieren um einen Job, einen Titel, eine Beziehung, eine Aufgabe, einen Nutzen — für welche soll das Kind sich entscheiden? Für eine, die ihr eigenes Kind vergessen hat, oder eine, die das Kind zu lange angeschaut hat, um es wieder vergessen zu können? Für eine, die dem Kind jeden Wunsch erfüllen kann, oder für die andere, der es kaum gelingt, ein paar Tröpfchen Milch zu besorgen? Für die, die sich in Sicherheit zu bringen versteht, oder für die, die sich nicht anders zu helfen wusste und auf der Flucht einen Menschen erschlug? Für eine, die sich kümmert, oder für eine, die weiß, wie man sich bekümmern lässt?
Und war’s das schon? Oder gibt es nicht noch mehr Optionen? Wer steht hier noch zur Wahl? Der Richter Azdak, der Recht spricht, obwohl er sich selbst angeklagt hat und eigentlich Dorfschreiber ist? Ein Anwalt, der alles tut, seiner Klientin zu ihrem Recht zu verhelfen? Panzerreiter, die ihr Leben riskieren, um ihre Pflicht zu erfüllen? Ein verliebter Soldat, der nicht glauben will, dass Veränderungen eintreten können? Ein Bruder, der wenig Brüderliches hat? Ein Mann, der den Sterbenden spielt, um dem Töten zu entgehen? Die, die Altes bewahren wollen, oder die, die das Neue wollen? Die, die besitzen wollen, oder die, die loslassen können?

Und das Publikum — wäre das eine Option? Das ist ja schließlich auch anwesend.
Wem sollte sich das Kind anvertrauen? Wer wird zum Vorbild?
Die Spieler*innen des Theater HORA bringen ihre eigenen Regeln mit ein. Neue Regeln müssen gemeinsam erfunden werden.

Lässt sich die „alte Sage“ durch Performer*innen erzählen, die wahrscheinlich nie ein Kind haben werden und auf die Fürsorge anderer angewiesen sind? Über das Kinderkriegen nachdenken. Über das Kinderhaben nachdenken. Über das Kinderverlieren nachdenken. Dem Kindsein nachspüren. Eine Antwort als Frage lesen. Einem Manifest ein Fragezeichen anheften.
Denken, was nicht gesagt wird, hören, was nur gedacht wird.
Nachschlagen bei Hans-Thies Lehmann, Brecht lesen: „Theater musste etwas anderes werden als eine Selbstfeier des Bürgertums als Publikum. Nicht zu Unrecht sah er [Brecht] sich selbst als den Kopernikus der Theaterkunst, der das gesamte System des Theaters neu dachte: nicht mehr als Vorführung vor und für, sondern als Aufführung mit dem Publikum.“ Weitermachen. Klären, was unbedingt ausprobiert werden möchte. Und was auf keinen Fall geschehen soll. Probieren von Rhythmusmotiven und Tonfolgen, Vertauschen der Rollen, die Perkussionistin Minhye Ko und die Performer*innen entscheiden lassen, was von wem gespielt wird. Über schwebende Bühnenelemente nachdenken und trainieren, wie sich auf Händen laufen lässt. Wie hypnotisiert auf die Bilder einer Livecam in der Wüste Namibias schauen: ein Wasserloch, ein abgestorbener Baum. Beobachten, wie sich die Wildtiere dort einfinden, verdrängen, verdrängen lassen. Entdecken, dass die Livecam auch Ton überträgt, und hören, wie nachts die Hyänen heulen. Probenpläne erstellen, die Aufwärmtraining und Pausen vorsehen. Versuche mit Buchstaben: Welche neuen Wörter können aus dem alten Bestand gebildet werden. Welche Buchstaben müssen auf die Auswechselbank. Weiter Brecht lesen. Weiter Dessau hören. Weiter auf das Wasserloch schauen.
Überlegen, wie es ist auf der Flucht. Überlegen, was zurückgelassen werden wird. Überlegen, wie sich das anfühlen müsste, im Exil. Überlegen, wie ein Neuanfang eine Chance ist. Merken, wie sich alles verändert, wenn der Blick darauf ruht. Sehen, wie Worte auf einen fruchtbaren Boden fallen.
Gut, wir machen die Probe noch mal.

Mit: Remo Beuggert, Robin Gilly, Simone Gisler, Minhye Ko, Tiziana Pagliaro, Simon Stuber und anderen

Konzept und Regie: Helgard Haug
Komposition: Barbara Morgenstern
Bühne: Laura Knüsel
Video- und Lichtdesign: Marc Jungreithmeier
Kostüme: Christine Ruynat
Sounddesign: Rozenn Lièvre
Dramaturgie: Ivna Žic
Technische Leitung: Patrick Tucholsky
Produktionsleitung: Maitén Arns      
Touring Management: Louise Stölting
Künstlerische Mitarbeit: Clara Bender 
 
Eine Koproduktion der Salzburger Festspiele mit Rimini Apparat und Theater HORA sowie HAU Hebbel am Ufer Berlin, Theater Winterthur, Grenzenlos Kultur Festival.