Stefan Kaegi

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Stefan Kaegi ist in der Schweiz aufgewachsen, hat in Basel Philosophie, in Zürich Kunst und in Gießen angewandte Theaterwissenschaften studiert. Er inszeniert in verschiedenen Konstellationen dokumentarische Theaterstücke, Stadtrauminszenierungen und Hörspiele, die meistens unter dem von ihm gemeinsam mit Helgard Haug und Daniel Wetzel begründeten Label Rimini Protokoll veröffentlicht werden.

In Einzelregie entstanden viele Projekte um Fragen der Mobilität wie etwa Kaegis Modelleisenbahnwelt "Mnemopark"  oder Cargo Sofia-X, wofür er einen LKW zu einem mobilen Zuschauerraum umbaute. Sowie die Audiotour "Remote X" für 50 Kopfhörer, die Kaegi mit Jörg Karrenbauer zusammen für über 40 Städte rund um den Erdball immer wieder neu ortsspezifisch konzipierte.

Einige Projekte suchen ihre Hauptfiguren in anderen Kulturen: In Kairo entwickelte Kaegi zum Beispiel „Radio Muezzin“ – ein Stück über den Gebetsruf im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in Kuba entstand „Granma. Posaunen aus Havanna“ und zwischen Deutschland und Asien „Bodenprobe Kasachstan“.

Oft werden die Arbeiten zu immersiven Theaterräumen. So inszenierte er in den Münchner Kammerspielen eine Raubkopie der ”Sicherheitskonferenz” um einen runden Tisch. In „Gesellschaftsmodell Grossbaustelle“ stiegen bis zu 300 Zuschauer gleichzeitig in Rollen von Bauarbeitern und Architektinnen und verwandelten das Theater in eine Baustelle als Wimmelbild.

Ausserdem interessiert sich Kaegi für posthumane Perspektiven: Für das Schauspielhaus Zürich inszenierte er ein Stück mit 10.000 Heuschrecken. In „Uncanny Valley“ steht eine animatronische Kopie des Autoren Thomas Melle auf der Bühne. Und in Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner Dominic Huber entstanden für die Produktion „Nachlass - Pièces sans personnes” acht Räume, die in der Abwesenheit ihrer Protagonist*innen davon erzählen, was von ihnen bleibt, wenn sie nicht mehr da sind.

Regelmässig entwickelt Kaegi Projekte gemeinsam mit Helgard Haug und Daniel Wetzel. Gemeinsames Ziel ist es, die gefühlte Realität aufzubrechen und all ihre Facetten auch aus ungewöhnlichen Blickwinkeln zu präsentieren. So kopierte das Regietrio mit 200 Bonner Bürger*innen eine ganze Bundestagssitzung ("Deutschland 2"). Sie inszenierten fünf Expert*innen mitteleuropäischer Todesarten in "Deadline" oder rekonstruierten den Bankrott der belgischen Fluglinie Sabena in Brüssel ("Sabenation"). In der Zusammenarbeit entstanden zahlreiche neue Theaterformen: „Call Cutta in a Box“ ist ein aus einem indischen Call Centre live geführtes Telefongespräch, "100% Stadt" eine gelebte Statistikanordnung für 100 Bürger*innen auf einer Drehbühne und "Hauptversammlung" eine parasitäre Intervention anlässlich der Aktionärsversammler der Daimler AG. „Best Before“ ist ein Videospiel für 200 Theaterzuschauer und ”Lagos Business Angels” eine Art interkontinentale Wirtschaftsmesse. Ausserdem entwickelten die drei die Multiplayer Videoinstallation "Situation Rooms" über den globalen Waffenhandel, die mit dem "Excellence"-Award des 17. Japan Media Arts Festivals ausgezeichnet und zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Für das Schauspielhaus Hamburg  entstand eine „Weltklimakonferenz“ als Simulaltion eines UN-Gipfels für jeweils 650 Zuschauer*nnen, aufgeteilt in 196 Länderdelegationen. In Barcelona schwammen Quallen in einer Museumsinstallation zur Welt nach dem Klimawandel.

Andere Arbeiten entstanden in Zusammenarbeit mit der argentinischen Regisseurin Lola Arias (“Airport Kids”, “Chácara Paraíso” u.a.) sowie in der Zusammenarbeit mit Bernd Ernst unter dem Label „Hygiene Heute“.

Immer wieder betätigt sich Kaegi auch als Kurator von Ausstellungsprojekten („Jäger und Sammler“),  Konferenzen („Identa 2000“, „Kongress der Schwarzfahrer“ u.a.), Stadtrauminterventionen („Truck Tracks Ruhr“) oder Festivals („Ciudades Paralelas“, „Idiom“ - Malta Festival Poznan). Ausserdem geben er und seine KollegInnen Workshops (Theaterbiennale Venedig, Lettisches Theaterinstitut Riga, Teatro Mario Matos Lissabon, Ruhruniversität Bochum, Goethe Institut Havanna, La Friche Belle de Mai Marseille, Universität für angewandte Künste Wien, ZHdK Zürich, Territory Festival Moskau u.v.m.)

2007 wurde Rimini Protokoll mit dem Theaterpreis Faust und 2008 mit dem europäischen Preis „New Realities in Theatre“ ausgezeichnet. 2011 erhielt Rimini Protokoll den Silbernen Löwen der Theater-Biennale von Venedig und 2013 den „Excelence Award“ des japanischen Media Arts Festival für die Multiplayer Theaterinstallation „Situation Rooms“ zum globalen Waffenhandel.

2005 gewann „Mnemopark“ den Jurypreis des Festivals Politik im freien Theater. 2010 erhielt Stefan Kaegi den “Routes Award for Cultural Diversity” der Europäischen Kulturstiftung und 2015 mit Rimini Protokoll den Grand Prix Theater des Schweizer Bundesamtes für Kultur. „Nachlass“ gewann 2018 auf dem Bitef Festival Belgrad den Grand Prize der Jury, sowie den „Premio Ubu“ für das beste ausländische Gastspiel in Italien.

Stefan Kaegi lebt in Berlin, wo Rimini Protokoll ihr Büro haben.