"Rimini Protokoll" belebt Geschichte der Beethovenhalle

Ausgerechnet in der Baustelle der Beethovenhalle findet das einzige Projekt des abgesagten Beethovenfests statt: eine "theatrale Begehung" mit Nachhall.

Von Anastassia Boutsko

12.09.2020 / https://www.dw.com/

Die Corona-Pandemie trifft auch das Beethovenfest Bonn mit voller Härte. Vom umfangreichen Programm, das den Superstar Ludwig van Beethoven zu seinem 250. Jubiläum im Jahre 2020 ehren sollte, ist ein einziges Projekt übriggeblieben - "Bauprobe Beethoven".

Es handelt sich um eine "theatrale Begehung", so die offizielle Definition der Veranstaltung der Beethovenhalle, die zurzeit saniert wird - eben eine Baustelle ist. Die Entwicklung des Projektes lag in der Hand der Künstlergruppe Rimini Protokoll, den deutschen Experten des dokumentarischen Theaters.

DasIdeenkollektiv, bestehend aus Daniel Wetzel, Helgard Haug und Stefan Kaegi, erarbeitet mit Laien, sogenannten Experten und Expertinnen des Alltags - Bühnenstücke und Interventionen, die eine schonungslose Annäherung an gesellschaftliche Themen ermöglichen, aber auch eine ästhetische Dimension besitzen.

Diesmal steht die altehrwürdige Beethovenhalle im Mittelpunkt, ein in die Jahre gekommenes Symbol der alten Bundesrepublik und der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn. Im September 1959 wurde sie feierlich eröffnet. Nach jahrelangem, zähen Streit um die Zukunft des maroden Gebäudes entschied man sich dann gegen einen Abriss und für die denkmalgerechte Sanierung des Konzert- und Veranstaltungshauses. 

Seitdem ist es geschlossen. Und damit fehlte dem Beethovenfest Bonn die wichtigste Bühne - schon das ist ein Desaster. Vor 2024 ist mit der Beendigung der Arbeiten, die voraussichtlich bis zu 166 Millionen Euro kosten werden, wahrscheinlich nicht zu rechnen.

So hat man sich beim Beethovenfest lange vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie entschlossen, der Beethovenhalle im Jubiläumsjahr 2020 zumindestens einen Besuch abzustatten. "Die Beethovenhalle war so etwas wie ein rosa Elefant im Raum", erzählt Projektleiter Thomas Scheider vom Beethovenfest. "An der konnten wir gerade im Jubiläumsjahr nicht vorbeischauen, gerade weil sie nicht bespielt wird."

Die coronabedingte Absage des Festivals verlieh dem ohnehin gewagten Projekt eine zusätzliche Kuriosität: "Der einzige Ort, der nicht bespielt werden sollte im Jubiläumsjahr, ist nun der einzige, der übrig geblieben ist", sagt Schneider.

An zwei Tagen, dem 12. und 13. Sepetember 2020, finden jeweils vormittags und nachmittags inszenierte Begehungen der Baustelle statt. In kleinen Gruppen werden die Zuschauer durch eine Art Parcours geführt und von sogenannten Expertinnen und Experten in Empfang genommen. "Wir haben in einer langen Recherche zehn Menschen gefunden, die eine interessante biografische oder intellektuelle Verbindung zur Beethovenhalle haben", erzählt Regisseurin Helgard Haug von Rimini-Protokoll im DW-Gespräch.

Unter ihnen ist ein ehemaliger Protokollchef, der die Auftritte von vier Bundespräsidenten in der Beethovenhalle begleitete, ein ehemaliger Bürgermeister, eine Kunsthistorikerin, Musikerinnen und Musiker, aber auch der technische Leiter des Hauses, der die Halle vier Jahrzehnte lang in Schuss gehalten hat. 

Dabei sind auch der Mann, der 1983 einen Brandstifter in der Halle überführte, oder die in Bonn legendäre "Brezelfrau", die immer für das leibliche Wohl der Konzertbesucher sorgte. Jeder von ihnen plaudert aus dem Nähkästchen. Und all diese sehr persönlichen Erinnerungen sollen zu einer spannenden Geschichte zusammenwachsen.

So soll eine neue Perspektive auf sechs Jahrzehnte BRD entstehen. "Dieses Gebäude steht symbolisch für die Bundesrepublik, wie der Palast der Republik für die DDR diese Funktion hatte. Sie war ein Volksversammlungsort für private und öffentliche Anlässe, für politische und kulturelle Momente", sagt Stefan Kaegi von Rimini Protokoll im DW-Interview. "Es ist aber auch eine Metapher für das Erinnern und dafür, wie man Erinnerung wiederherstellt."

Natürlich darf bei einer Veranstaltung des Beethovenfestes auch die Musik nicht fehlen: Der in Berlin lebende amerikanische Komponist Ari Benjamin Meyers wurde mit einem Werk beauftragt, in dem er sich mit der "Großen Fuge", Beethovens letztem großem Werk, auseinandersetzt. Musikalische Intermezzi, aufgeführt vom "Asasello-Quartett", erklingen in den Pausen, während das Publikum von einem Experten zum anderen wandert.

Meyers, der Beethoven im DW-Gespräch als "ersten zeitgenössischen Komponisten überhaupt" bezeichnete, freut sich über die ungewöhnliche Aufführungssituation. "Ich habe meine Arbeit Beethoven gewidmet, aber es ist dennoch ein durchkomponiertes Werk von mir", sagt er.

 


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