Temple du présent.

Solo für einen Oktopus

Von Stefan Kaegi

Wie können wir ein Tier verstehen, dem wir eine Intelligenz attestieren, die sich von der unseren radikal unterscheidet? Wie stellen wir eine Beziehung zur Natur her, ohne sie zu vereinnahmen? Wer beobachtet hier wen? 

Acht Arme, drei Herzen, maximale Flexibilität des Körperbaus, ein dezentrales Nervensystem, die Fähigkeit, an der ganzen Körperoberfläche über Farbe und Textur zu kommunizieren, aber vor allem eine große Neugierde und Offenheit gegenüber der Begegnung mit Menschen... – der Oktopus scheint nicht nur fremd und interessant, sondern auch interessiert an allem, was in und um seinen Lebensraum geschieht. 

Aber die Geschichte der Beziehung des Menschen zum „gemeinen Kraken“ zeichnet sich zunächst wenig durch Respekt vor seiner Andersartigkeit oder Erwiderung seiner Neugierde aus: Als Projektionsfläche menschlicher Ängste findet man ihn als Ungeheuer in Mythen und Abenteuergeschichten. Geschätzt wird er als Vorspeise der mediterranen Küche und als Versuchstier. Seit einigen Jahren wird er sogar zunehmend verkitscht: Als Maskottchen und Orakel von Fußballfans oder als Symbol für Multitasking in einer sich feiernden Startup-Kultur. 

Was wäre, wenn es gelänge, dem Oktopus, diesem am weitesten entfernte Verwandten oder gar „Außerirdischen auf Erden”, wie ihn Villem Flusser nannte, in seiner Fremdheit zu begegnen, ohne ihm seine radikale Andersartigkeit durch Strategien der Anthropomorphisierung zu nehmen? Könnte die Bühne für die Dauer einer Aufführung zu einem Ort werden, an dem der Versuch einer Begegnung auf Augenhöhe erprobt wird? 

Seit Jahren beschäftigen sich die Natur- und KunstforscherInnen vom Schweizer ShanjuLab gemeinsam mit der Stazione Zoologica Anton Dohrn in Neapel mit der Schaffung einer Beobachtungssituation zwischen den beiden Gattungen. Das Tier, dem die Zuschauer in “Temple du présent” begegnen, stammt von einem Fischmarkt und war für den Verzehr bestimmt. Nun lebt es vorübergehend in den 1300 Litern Salzwasser einer künstlichen Welt, bevor es in seine ursprünglichen Lebensraum, das Meer, zurückkehrt. Auf der Theaterbühne wird der Oktopus in seinem Aquarium so für einige Monate zum Protagonisten einer Aufführung, dessen Dramaturgie und Kommunikationsvorgänge in weiten Teilen von seinem Verhalten bestimmt werden - und von seiner Bereitschaft oder Verweigerung, in Interaktion mit dem Menschen neben dem Aquarium zu treten. Durch Kameras vergrößert und akustisch begleitet wird das Tier vor den Augen des Publikums vom Objekt zum Subjekt der Beobachtung. Dabei stellt sein Blick den Menschen, dieses Tier, das seine Bedienungsanleitung verloren hat, ganz grundsätzlich in Frage. 


Konzept und Regie: Stefan Kaegi
In Zusammenarbeit mit: einem Oktopus, sowie Judith Zagury und Nathalie Küttel (ShanjuLab)
Wissenschaftliche Begleitung: Prof. Graziano Fiorito
Dramaturgie:  Katja Hagedorn
Musik: Stéphane Vecchione (In Zusammenarbeit mit Brice Catherin)
Technik und Ausstattung: Théâtre Vidy-Lausanne
Licht: Pierre Nicolas Moulin
Video: Oliver Vuillamy
Produktion: Anouk Luthier 
 
Eine Produktion von: Théâtre Vidy-Lausanne - ShanjuLab Gimel (Laboratoire de recherche théâtrale sur la présence animale) - République Éphémère *, Genève - Théâtre Saint-Gervais Genève

In Koproduktion mit:
Festival Antigel, Genève - Berliner Festspiele, Berlin