Unschärferelation

Das 2. Hörspielsymposion an der Eider loter Realitätsräume aus

Von Jochen Meißner

01.08.2004 / Theater heute

Wenn man in Rendsburg ankommt, hat man die erste Lektion schon gelernt. Nach einer Warteschleife um den 30.000-Einwohner-Ort, der wie aus dem Märklin-Baukasten ins platteste Schleswig-Holstein gesetzt wurde, landet man im Bahnhof - und wird sich wieder bewusst, dass man nicht mit dem Flugzeug unterwegs war. Nach kilometerlangem Anlauf schwingt sich eine Eisenbahnbrücke in knapp fünfzig Meter Höhe über den Nord-Ostsee-Kanal, um anschließend den gesamten Ort zu umrunden. Realität ist ein Wahrnehmungsfrage und nirgendwo könnte man besser ein Symposion über "Tendenzen der Inszenierung von Wirklichkeit und Fiktion im Hörspiel" veranstalten, als in einer Stadt, die man auf so irritierende Weise betreten muss.

Nicht erst seit Harald Schmidt die Folterbilder aus dem Irak mit den Worten "Ich dachte erst, das sein Benetton" kommentierte, sind die Künste auf der Suche nach dem echten Authentischen und dem wirklich Realen. Aber, so der Hörspielautor Andreas Ammer: "Das Problem mit der Wirklichkeit ist ja immer, dass sie verschwindet, sobald man auf die Record-Taste drückt." Vom 17. bis 19. Juni sollte es im Nordkolleg Rendsburg um die quantenmechanische Unschärferelation von Realität und ihrer Beobachtung gehen. Wenn man also entweder nur den Ort oder nur den Impuls des Realen genau bestimmen kann, dann hilft es möglicherweise den blinden Fleck in der Unterscheidung zwischen Fiktivem und Realen, nämlich das Messinstrument, mit in seine Suche einzubeziehen. Andreas Ammer hat das auf zweierlei Weise versucht.

Zum einen, indem er die aufgezeichneten Stimmen aus den Blackboxes abgestürzter Flugzeuge zur Grundlage eines Hörspiels gemacht hat. Die Cockpit-Mikrophone spielen hier keine Rolle als Kommunikationsmittel, sondern sie erfassen lediglich akustische Daten - und zwar genau so lange bis das Flugzeug abstürzt. In "Crashing Aeroplanes" hört man Stimmen vom Nichtort des Todes, die kein Gegenüber mehr haben, sondern nur noch das fixierende Speichermedium zu ihrer Überlieferung.

Die andere Möglichkeit ist es, das Mikrophon als Gesprächspartner in die Realität mit einzubeziehen. In "On the Tracks" und dessen Fortsetzung "Sweet Surrender (Still on the Tracks)" verfolgen die Teilnehmer eines Spiels eine frei gewählte Personen und führen ein akustisches Protokoll ihrer Beschattung. Zwar ist man hier über die Bewegungsrichtung orientiert aber der Fokus des Hörers richtet sich mehr und mehr auf den Beobachter während dessen Zielperson immer unschärfer wird. Sowohl die Piloten, die gefasst und konzentriert die letzten Daten vor dem Aufprall weitergeben, als auch die Verfolger, die das Objekt ihrer Begierde zur Projektionsfläche ihrer Phantasien machen, sprechen im Bewusstsein ihrer Aufzeichnung. Braucht es im jenem Fall die Schrecken des Realen, so sind es im diesem die Freuden des Spekulativen, die eine Anmutung von Authentizität hervorrufen.

Gemeinsam ist beiden Stücken - und das könnte ein Baustein für eine Merkmalssemantik des Realen im Hörspiel sein - die für Radioproduktionen unterdurchschnittliche Klangqualität. "Die Wahrheit ist mono und klingt schlecht" ist ein geflügeltes Wort unter Sounddesignern. Paradoxerweise erfordert es einen höheren technischen Aufwand, wenn etwas echt und unmanipuliert klingen soll. Ragnhild Sørensen von der Produktionsfirma Raumstation konnte das anhand von Daniel Wedels Hörspiel "Schnittmuster der Liebe" nur bestätigen. Die aufwändig produzierte Geschichte um eine Agentur, die für ihre Klienten auf Partnersuche geht und die prospektiven Liebenden abgefeimten Psychotests unterzieht, wurde "on location" aufgenommen, und trotzdem musste die Intercom-Verbindung der Beziehungsspitzel untereinander noch künstlich verzerrt werden.

Ein weiterer Bestandteil der Merkmalssemantik des Realen besteht im möglichst unkünstlerischen Sprechen. Die Akteure des "Schnittmuster der Liebe", allesamt Schauspieler mit Improvisationserfahrung, hatten keinen vorgegebenen Text, sondern lediglich Handlungsanweisungen - was den authentizitätsmindernden Effekt hervorrief, dass unzählige Takes der immer gleichen Szene nötig waren. Dramaturgisch geschickt wurde die Geschichte um die zynischen Partnervermittler in ein fiktives Radiofeature eingebaut. Aufgrund der doppelten Fiktionalisierung (ein gefaktes Feature über einen fiktive Agentur) glaubt man zwar letztendlich weder der Form noch dem Inhalt. Trotzdem wähnt man sich irritiert im kontingenten Raum zwischen Realität und Fiktion.

Den Weg heraus aus den sterilen Hörfunkstudios der ARD - ein weiteres Kriterium der Merkmalssemantik der Authentischen - wählte auch Sabine Stein für ihr Hörspiel "Weekend", das sich bemühte das Dogma-Manifest der dänischen Filmemacher zu adaptieren. Die Geschichte um die Auflösung eines gemeinsamen Wochenendhauses eines Freundeskreises wurde im Gegensatz zur eher filmischen Produktionsweise des "Schnittmuster", chronologisch aufgenommen, wodurch die Identifikation von Schauspieler und Figur weiter gefördert wurde. Das kulminierte in einer ausufernden Sexszene, bei der sich die Akteure zu ihrer eigenen Verwirrung mit heruntergelassenen Hosen in einem Schuppen wieder fanden.

Geht man noch einen Schritt weiter und besetzt Laien statt Schauspieler, wird die ‚Authentifizierung’ eines Kunstwerks auch ethisch problematisch. In Paul Plampers Müller-Adaption "H2odH" (Herakles 2 oder die Hydra), musste sich ein 13-jähriger Junge einem drastischen Dialog mit einer Prostituierten (gespielt von Margarita Broich) aussetzen, was ihm nur nach ausführlicher Vor- und Nachbereitung durch den Regisseur zumutbar war.

Laien spielen bei den Theaterhörperformances des Autorentrios Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel (alias Rimini Protokoll), nicht mit, sondern ‚Spezialisten’. "Das sind Leute, die etwas anders können als Theaterschauspielern", sagt Daniel Wetzel. Rimini Protokoll inszenieren Realität als permanente Wahrnehmungsverschiebung.

Haug/Wetzels Bonner Inszenierung "Markt der Märkte", die unter dem Titel "Alles muss raus!" für das Radio inszeniert wurde, gewinnt ihre Echtheit daraus, dass das kopfhörerbewehrte Publikum auf der Caféterrasse nicht weiß, wer eingeplanter Teil der Inszenierung ist und wer Passant. Das funktioniert im Radio natürlich nicht. Dort wird der ständige Wechsel des Referenzrahmens zwischen Realität und Fiktion über die Inszenierung des Mikrophons erreicht. Nicht dessen Abwesenheit garantiert die Authentizität, sondern seine Präsenz: Ich finde es gut, wenn man das Gefühl hat, dass die Leute in ein Mikrophon reinreden", sagt Daniel Wetzel "weil genau dann eine Bühne entsteht."


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Alles muss raus! (Hörspiel)