Sex! Mord! Kanibalismus

Interview mit Regisseur Stefan Kaegi über seine "Heuschrecken"-Inszenierung im HAU 3.

Von Peter Laudenbach

28.03.2010 / Tip Berlin

tip Beim Titel Ihres Stückes „Heuschrecken“ denkt man Finanzinvestoren, die Firmen ausplündern. Geht es darum in Ihrer Inszenierung?

Stefan Kaegi Natürlich ist ein Hedgefonds viel komplexer aufgebaut als ein Heuschrecken­schwarm. Die Manager sollten sich die Firmen, in die sie inves­tieren, genau ansehen. Heuschrecken sind viel wahlloser und anarchistischer, sie arbeiten auch nicht so gut zusammen. Wenn sie in großen Schwärmen über Afrika herfallen und die halbe Sahelzone leer fressen, haben sie keine Strategie, sondern nur Hunger. Sie knabbern sich gegenseitig an, sie fressen einander die Flügel weg, ohne dass sie das weiter stören würde. Heuschrecken sind übrigens die Gewinner des Klimawandels: Wenn es auf diesem Planeten wärmer wird, wird es denen immer besser gehen. Sie überleben auch nukleare Ernstfälle problemlos.
tip Was sehen wir in Ihrer Inszenierung?

Kaegi Etwa 10.000 Heuschre­cken. Das sind die Hauptdarsteller. Ich verstehe auch nicht, weshalb im Theater immer nur Menschen auf der Bühne stehen. Tiere sind mindestens so interessante Darsteller, auch wenn man sie hinterher nicht befragen kann, was sie uns damit sagen wollten. Heuschrecken gehen asozial miteinander um wie Shakespeare-Figuren. Wir werden Kannibalis­mus erleben, die beißen sich mit größter Selbstverständlichkeit den Kopf ab. Aber auch Sex kommt während der Aufführung vor.
tip Echter Mord und echter Sex sind auf Theaterbühnen vergleichsweise selten. Wie sehen wir das?

Kaegi Das Terrarium ist ein 16 Meter langer, durchsichtiger Tunnel, das das HAU 3 ziemlich komplett ausfüllt. Darin gibt’s viele kleine Kameras und Mikrofone. Der Musiker Bo Wiget verfremdet die Geräusche der Heuschrecken, ein Videofilmer projiziert Bilder der kleinen, liebenswerten Tiere monstergroß auf zwei Leinwände. Eine Schildkröte mit einer Kamera auf dem Panzer marschiert durch den Tunnel und sondiert diese andere Spezies wie ein Alien, wir sehen die Heuschrecken mit dem Blick der Schildkröte, die sich ganz langsam wie in Zeitlupe durch diese Heuschreckenwelt bewegt. Und menschliche Experten interpretieren die Performance der Tiere jeden Abend live als Science-Fiction aus dem Blick­winkel von Migrationsforschung, Politologie, Lebensmittelindus­trie, Insektenkunde und Raumfahrt. Interview: Peter Laudenbach

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