Seid ihr gewillt, die Krone abzutreten?

„miles and more“ – ein Feature von Rimini Protokoll über Rücktrittsdramaturgien in der Politik

Von Thomas Irmer

01.09.2006 / Theater heute

Die Sprachschablonen sind schnell auf einen Nenner gebracht: „Ich habe mir in der Sache nichts vorzuwerfen, um aber Schaden von Amt oder Partei abzuwenden, sehe ich mich dazu gezwungen...“ Ob es um Schwarzgeldmillionen oder Bonusmeilen geht, um Einkaufswagenchips oder echt große Beträge – Rücktritte gehören wie Wahlkämpfe zu den durchinszenierten Manövern in der Politik. Zumeist sollen sie wieder verbergen, was zuvor enthüllt wurde, denn mit dem „persönlichen“ Opfer gilt in der Regel eine Affäre als abgeschlossen. Zumindest, was die politische Öffentlichkeit betrifft. Es gibt aber auch die Durchsteher, wie Roland Koch oder Ex-Streetfighter Joschka Fischer („Wollen Sie mir jetzt meine Geschichte vorwerfen“), die ein einmal angelaufenes Rücktrittsszenario sogar mit Prestigegewinn überstehen.

Die Fallbeispiele aus der deutschen Politik allein der letzten zehn Jahre sind kaum zu überschauen und haben weder mit bestimmten Parteien noch mit charakteristischen Biografien zu tun. Gerade deshalb lassen sie sich auch zu einem lesbaren Vorgang zusammenschieben. Wenigstens fünfzehn Rücktritte auf Bundes- oder Landesebene werden in Rimini Protokolls Radio-Feature angesprochen, dazu der Nicht-Rücktritt Fischers genauer untersucht. „miles and more“ ist allerdings kein Politfeuilleton, sondern folgt den raffinierten Strategien, die Daniel Wetzel und Helgard Haug zuvor schon mit ihren Real-Protagonisten für „Wallenstein“ in Szene setzten. Hier wird Shakespeares „Richard II.“ als klassisches Rücktrittsdrama angeführt, das Stück vom erzwungenen Verzicht eines Königs. Zu hören in entscheidenden Auschnitten in einer Hörspielaufnahme von 1963 mit Hans Quest als Richard und Günther Strack als Bolingbroke: „Seid ihr gewillt, die Krone abzutreten?“ Ja. Nein. Und schließlich doch.

Damit überschreitet das „feature“ seinen üblichen Horizont. Die Rücktrittsrituale von heute werden gegen Shakespeare gehalten, als ob er immer noch unsere Stücke schreibt. Andererseits liefert Shakespeares Historie exakt die gleichen Leerstellen, die heute noch erregen: Was denken die politischen Akteure wirklich in ihrer Rolle? Man erfährt es schon bei Shakespeare nicht. So fällt in dem Radiostück der größte Teil der Kommentare und Rücktrittsanalysen an Interviews mit Politikerberatern und Mitfliegerjournalisten wie Jürgen Leinemann, die sich in diesem System mit vorgeblich wissenschaftlichen Methoden bewegen und zwangsläufig von ihrer eigenen Rolle sprechen. Rücktritt ist praktisch nur eine Frage mangelnder Kommunikation und damit ihr Korrektiv.

Kritische Wiederverzauberung

Im Medienbusiness existiert „Richard II.“, in dem auch mit physischer Gewalt um Herrschaft gerungen wird, natürlich nicht als Referenz, und wenn der Dramaturg Bernd Stegemann („Als Dramaturg bin ich Berater“) dies wiederum aus eigener Warte kommentiert, hat sich der Richard-Rücktritt endgültig in einer von Rimini Protokoll entzauberten Welt ereignet. Man könnte auch sagen, das Geflecht zwischen unterschiedlichen Ebenen hat sich zu einer kritischen Wiederverzauberung verdichtet. Als Darstellung einer nicht mehr fassbaren Macht. Von Vorteil für diese Rundfunksendung dürfte dabei sein, dass man ihre Strategie zur Inszenierung des „Realen“ weniger schnell erkennt, als das beim Besuch ähnlich aufgebauter Arbeiten in einem Theaterkontext der Fall ist.

Das Script für „miles and more“ schrieb Helgard Haug zusammen mit ihrer Schwester, der Politikwissenschaftlerin Heike Haug, die als parlamentarische Referentin im Bundestag arbeitete. „miles and more“ ist ebenso wenig ein reines Feature wie „Wallenstein“ eine reguläre Klassiker-Inszenierung. Schliesslich tritt auch hier Sven-Joachim Otto, der Wallenstein von der Mannheimer CDU, als Darsteller seiner selbst auf. Jedoch in anderen Zusammenhängen und – Rücktritt ohne Theaterberater unmöglich.


Projekte

miles and more (Hörspiel)
Wallenstein