„Hooked on a Book“ – Wenn ein Buch zwei Leben verbindet

12.02.2026 / Kelkheimer Zeitung / Taunus Nachrichten

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Kelkheim (ju) – Zwei Menschen treffen aufeinander. Zum ersten Mal, völlig zufällig. Zwischen ihnen liegt ein Buch. Sie schlagen es auf – und mit der ersten Seite beginnt etwas, das mehr ist als Lesen. 
Das Buch stellt Fragen. Keine, die man schnell beantwortet, sondern solche, die nach Erfahrungen fragen, nach Haltungen, nach dem, was Menschen geprägt hat. Es geht um das eigene Leben und um die Welt, im Großen wie im Kleinen: um Werte, die tragen, um Brüche, um Nähe und Distanz, um das, was trennt, und das, was verbindet. Seite für Seite entsteht ein Gespräch. Man hört zu, erzählt, denkt nach, widerspricht, erkennt sich im anderen – oder entdeckt ganz neue Sichtweisen. 
Was hier geschieht, ist vollständig analog und doch hochgradig interaktiv. Kein Bildschirm, kein Publikum, keine Bühne. Nur zwei Menschen, ihre Geschichten und ein gemeinsamer Moment. Eine Art Doppelbelichtung: zwei Lebenswege, die sich für eine Weile überlagern. 
Dieses „Stück“ kann überall stattfinden. Auf einer Parkbank, in einer Bibliothek, in einer Kleinstadt oder mitten in der Metropole. Der Ort spielt keine Rolle – entscheidend ist die Begegnung. Mit jedem Umblättern verweben sich die beiden Lesenden ein wenig mehr miteinander. Sie werden Teil der Geschichte, werden selbst zu ihren Hauptfiguren. 
Am Ende wird das Buch wieder geschlossen. Doch das Gespräch wirkt nach. Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass zwischen Fremden manchmal nur eine aufgeschlagene Seite liegt – und der Mut, über das eigene Leben zu sprechen.

Auftakt in Kelkheim

Was sich hier etwas pathetisch anhört, passierte am vergangenen Sonntag im Kelkheimer Rathaus und löste eben diese beschriebenen Emotionen und Erlebnisse aus. Dieser 8. Februar 2026 dürfte in die Annalen der Stadt eingehen, denn im Rahmen der „World Design Capital“, ein Titel, der erstmals an Deutschland, an die Rhein-Main-Region vergeben wurde, fand die Auftaktveranstaltung „Hooked on a Book – eine Expedition“ in der kleinen Möbelstadt vor den Toren der großen Stadt statt. 
Gespannte Gesichter im Plenarsaal, keiner wusste so genau, was zu erwarten war. Dessen war sich auch Susanne Völker vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain bewusst, der das Projekt fördert und unterstützt. „Es ist schwierig, zu erklären, worum es geht. Sie müssen es machen“, wandte sie sich an die Anwesenden. Hinter ihr warf ein Beamer das Bild des Buchs, um das sich alles drehte, an die Wand – „Hooked on a Book“ zu deutsch „von einem Buch gefesselt sein“ machte neugierig, was da wohl kommen möge. 
Das Projekt vom Rimini Protokoll, einem Theater-Label, das 2000 gegründet wurde, soll fremde Menschen zusammenbringen, über ein Buch, weit weg vom Digitalen. „Eigentlich ein Urvorgang der Demokratie, Menschen kommen zusammen, verbringen Zeit, reden“, fasst es Helgard Haug, Ideengeberin und Texterin des Buches zusammen. Über eineinhalb Jahre wurde geplant, illustriert, abgewogen, verworfen – bis das Endprodukt vorlag.

Ein Tisch, zwei Stühle, ein Buch

Und dann ging es ans Eingemachte. Miriam Frings vom Kulturreferat, das sich nach Aussage von Susanne Völker „voll reingehangen und Großartiges bei der Organisation geleistet hat“, teilte die sogenannten Matches zu – zwei sich fremde Menschen, ein Tisch, zwei Stühle, zwischen ihnen das Buch. In der Cafeteria war alles vorbereitet. Nun saßen sich 10 Pärchen, jung und alt, Mann und Frau, FSJlerin und Journalistin, Stadtarchivar und Rentnerin gegenüber. 
Was dann folgte war die Reise zu einem selbst, die Neugierde auf das Gegenüber, das Entstehen von Sympathie, das Philosophieren, das Nachfragen. Beispiel gefällig? Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, was Ihre Hände über Sie aussagen oder was Sie dem Gegenüber für Geschichten erzählen könnten? Gibt es ein Lieblingswort, das Sie gern hören oder selber sagen? Sind Sie eher der Mensch, den es zum Licht zieht oder der, der das Dunkel schätzt? Was macht es mit Ihnen, wenn Sie darüber nachdenken? 
All dies und noch so viel, viel mehr wurde durch das gemeinsame Lesen des Buches sichtbar, erfühlbar. Erst gegenübersitzend, dann nebeneinander, dann stehend – es wurde enger, persönlicher. Nach rund zwei Stunden wurden so nach und nach die Bücher geschlossen. Und wenn man sich umschaute, sah man entspannte, zufriedene, glückliche Gesichter. Da war was passiert. Wie bei Kalle (über 70) und Mila (13), die sich beide beeindruckt und erfüllt von den Gesprächen zeigten. „Das war richtig gut, wir haben viel geredet und viel übereinander erfahren. das war toll“, berichtet Mila. Kalle kann da nur zustimmen. „Das hat super gepasst. Ich hab selbst Enkelkinder, da weiß man, wie man miteinander spricht, was den Kindern wichtig ist.“ Die beiden hatten ihren Weg durch das Buch gefunden, so wie die vielen anderen Paarungen, bei denen es matchte. „Man nimmt unglaublich viel mit. Erfährt Interessantes über das Leben des Gegenüber, welche Werte und Prinzipien er in sich trägt. Und man schaut auch auf sich selbst, hinterfragt sich und erhält vielleicht noch Bestätigung von seinem Gesprächspartner“, fasst es FSJlerin Helena zusammen. Sie sieht in den Büchern auch ein gutes Instrument, um die Kommunikation wieder in die analoge Welt zu holen. Deswegen ihr Appell: „’Hooked on a Book’ muss in die Schulen, Jugendclubs, Seniorenheime – überall dort hin, wo Kommunikation von Angesicht zu Angesicht entweder an das Digitale oder an die Einsamkeit verloren ging.“


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