Graffiti in H0

Mnemopark - eine Modelleisenbahnwelt

Von Esther Boldt

01.01.2006 / Journal Frankfurt

Im Mousonturm bringt Stefan Kaegi Modelleisenbahner, Alpenpanoramen und Lebensstrategien auf Kollisionskurs.

Zuletzt war Stefan Kaegi im August letzten Jahres in Frankfurt, da systematisierte er nach eigenwilligen Kategorien und unter dem Titel „v.l.n.r. – Gruppen von Gruppen“ Gruppenbilder. Im Rahmen der Reihe „Performing lectures“, von unfriendly takeover dachte er laut über Zuordnungsstrategien und Versammlungsprinzipien nach.

Als Arbeitsgrundlage dienen dem Theatermacher Fragmente des Realen, die er in neue Kontexte setzt: gemeinsam mit seinen Kollegen von „Rimini Protokoll“, Helgard Haug und Daniel Wetzel versah er in „Kreuzworträtsel Boxenstop“ vier 80jährige Damen mit der Vergangenheit von Formel-1-Pilotinnen und erforschte in „Shooting Bourbaki – ein Knabenschießen in Luzern“ persönliche Angriffs- und Verteidigungsstrategien Schweizer Jungen. Seine Recherche ist journalistisch, doch auf der Bühne darf gelogen werden: Das Dokument wird stets der Idee untergeordnet, der Funktion, die es im Stück zu erfüllen hat. In Anlehnung an Marcel Duchamp nennt Kaegi seine Performer „Readymade-Darsteller“, sie sind Experten bestimmter Lebenslagen.

Er stellt Laien in den inszenierten Raum der Bühne, das Resultat ist ein ständiger Grenzgang zwischen Realität und Fiktion, Dokument und Erzählung. Inszeniertes kann in Authentisches kippen und umgekehrt. Zugleich stellen Kaegis Inszenierungen auch immer Reflexionen auf das Theater selbst dar, seine Potenziale und Grenzen qua Konvention: er greift Inszenierungen überall auf, wo er sie zu fassen bekommt.

So hat er in seiner jüngsten Produktion „Mnemopark – eine Modelleisenbahnwelt“, einer Produktion des Theaters Basel, Modelleisenbahner als Theaterkünstler zum Ausgangspunkt genommen. „Denn“, sagt Kaegi, „Theater und Modellbau sind Systeme, die die Welt abbilden sollen, und so sind auch die Diskussionen mitunter dieselben. Etwa: Darf man Sexszenen abbilden oder nicht?“ Wie viel Gegenwart darf in der idealisierten Modellwelt vorkommen? Jüngere Modellbauer fordern, es müsse Graffitis an den Gleisen geben, Ältere lehnen dies ab. Ihnen dient das Modell auch als Erinnerungsspeicher, so Kaegi, der Titel des Stückes verweist auf Mnemosyne, Gedächtnis: „Was anderen das Familienalbum ist, ist ihnen ihre Modelleisenbahn.“

Seine Darsteller sind vier Pensionäre aus Baseler Modelleisenbahnclubs, die seit Jahrzehnten die Welt im Maßstab 1:87 nachbauen, eine 37 Meter lange Modelleisenbahn wird zum Schauplatz der Konfrontation zwischen ländlicher Idylle, Theater und Gegenwart. Beim Festival „Politik im Freien Theater“ in Berlin wurde „Mnemopark“ mit dem Preis der Bundeszentrale für Politische Bildung ausgezeichnet, nun ist es im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm zu sehen.


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