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Ein Lkw als Bus und Theater

Pilotprojekt "Bochum Street View"

Von Von Peter Backof

12.10.2015 / Deutschlandfunk

Studierende des Fachs "Szenische Forschung" der Ruhr Universität Bochum verwenden Hunderte von Filmen und begeben sich damit auf Reise durch Bochum. Ein umgebauter Lkw dient dabei als Bus und Theater, seine Wände als Projektionsfläche - und manchmal wird auch der Blick nach draußen freigegeben. Das Projekt ist eine Kooperation von Urbane Künste Ruhr und Rimini Protokoll.
Von Peter Backof


Fast wie beim Boarding im Flieger geht es zu. Aber nur fast, denn die drei Tribünenreihen, mit denen der Truck hinten bestückt ist und auf denen rund 40 Besucher zum Sitzen kommen, wirken wie ausrangierte Fußballtribünenränge aus Zeiten, in denen es manchen Ruhrgebietsklubs sportlich noch besser ging. Es ist eng, eine Projektion mahnt, in Zeichensprache: bitte anschnallen! Die Lüfter dröhnen, denn - hier würde die Phrase einmal genau passen – der Raum ist hermetisch abgeriegelt. Eine etwas klaustrophobisch anmutende Situation. Wohlfühlmusik steuert dagegen. Und wir merken gar nicht, dass wir bereits losgefahren sind.
"Wir sind Studierende der Szenischen Forschung. Eine Frau sitzt immer vorne, als Beifahrerin, das ist dieses Mal Anna Lena gewesen. Und dann gibt es eine Person an der Technik, die fährt die Videos ab und die Tracks."
Szene: "Wir sind hier, um unsere Arbeitsplätze zu verteidigen" - "Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!"
Drei identische Videoprojektionen erhellen die lange vierte Wand des mobilen Theaterraums. Da sehen wir als Film Bochumer Landschaft und Häuser vorbeiziehen – bei schönstem Wetter – entlang Bochumer Hausfassaden. Und passieren gut Tausend Fenster. Ist das vielleicht sogar eine Live-Kamera, das gefühlte Fahrttempo käme hin. Nein, kann nicht sein, draußen nieselt es gerade. Und an neun Stellen dann hält der Truck, die Leinwand geht hoch. Und wir sehen das echte Bochum.
"Wir haben Videos vorgefilmt mit einer wundervollen Aufsatzkonstruktion auf einem PKW. Und dann gibt es eine Kommunikation zwischen Führerhaus und Drinnen, weil wir müssen wissen: Wann machen wir die Leinwand runter? Es gibt ganz bestimmte Cues, die gibt mir dann Anna." - "Wann stehen wir?" - "Wir stehen jetzt. Der Vorhang geht auf und gibt den Panoramablick durch die riesige Glasscheibe frei."
"Das Wanderjahr der Gnus beginnt im Süden der Serengeti. Es scheint als würde einer dem anderen hinterher laufen. Nicht immer bemerken die Gnus ihre Feinde."
Viele Ebenen bei diesem Theaterexperiment
Draußen stehen ganz normale Menschen an einer Bochumer Bushaltestelle. Eine Slapstick-Szene, fast ein bisschen gemein: Diese Bochumer Gnu-Menschen können uns Feinde nicht bemerken, denn der Truck ist von außen verspiegelt. Manchmal scheint es, wir würden interagieren, aber in der Realität sehen sich Passanten selbst im Spiegel an, richten sich die Haare. Eine wichtige Ebene bei diesem Theaterexperiment.
"Na? Ich mach alles für dich. Französisch, Spanisch, Italienisch. Na? Komm schon!"
Andere Szenen – wie die im Rotlichtviertel – begegnen uns visuell nur als Projektion auf die vierte Wand. Ein ständiges Spiel mit Wahrnehmung und Grenzen der Wahrnehmung. Danach sucht dieses Stück auch, meint Stefan Kaegi von Rimini Protokoll:
"Eine vierte Wand- Also es ist ja im Theater nicht mehr viel vierte Wand zu spüren, normalerweise. Das ist ja auch gut so. Aber hier ist es eben richtig eine vierte Wand."
Auf der Basis von echten Interviews im Vorfeld tauchen jetzt Prostituierte auf. Oder auch: Doggenzüchter, Kleingärtner und Menschen, die Gräber auf einem Friedhof bepflanzen, wie Experten des Alltags, wofür die Truppe Rimini Protokoll populär ist, aber eben nur akustisch, aus dem Off.
"Ja, das mag ich sehr, dass es sich einerseits total fiktiv anfühlt, weil man eben sitzt wie im Kino und eine Art Autorenfilm assoziieren lässt. Man hat das Gefühl man sitzt in einem Roadmovie. Und dann ist es eben doch ganz real da draußen. Und es regnet wirklich."
Und drinnen: Sehen wir unter einem bestimmten Winkel, wie sich andere aus dem Publikum in der Glasscheibe spiegeln. Juristisch wurde der Truck als Bus eingestuft. Und die Fahrt hat oft auch etwas von einer ganz normalen Busfahrt durch die Stadt, bei der man verträumt die Gedanken fliegen lässt. Nur ist diese hier – akustisch wie visuell – noch einmal besonders inszeniert.

Ein Pilotprojekt ist das, weil es als Studie dien, für eine Ausweitung des Truck-Konzepts im nächsten Jahr, sagt Stefan Kaegi. Ein umfassendes Ruhrgebietsalbum mit 49 Positionen ist geplant.
"Es kommt auch mal in der Realität die Polizei an. Das ist gestern geschehen. Da hätten sie uns fast verhaftet mit dem Lastwagen. Weil irgendwer gemeldet hat, es seien Maskierte in dem Truck."
Roadmovie mit echtem Risiko. Der Bus hatte bei einer Tour einen Poller gerammt und die Inszenierung stand dann eine halbe Stunde. Ein Konzept, das schon bei der Probefahrt völlig überzeugt, weil es sich in unsere aktuelle Lebenswirklichkeit einmischt, zwischen Nähe und Distanz, Privatem und Öffentlichem. Screen und Second Screen. Im besten Sinn irritierend.

 

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