Die verspielte Einbildung der Schweiz

Im Foyer des Theater Basel spielen die Modelleisenbähnler: Stefan Kaegis „Mnemopark“

Von Tobi Müller

26.05.2005 / Tagesanzeiger

Das oberste Gebot des Modelleisenbähnlers heisst Realismus. Hermann Löhle, einst Schreiner, dann Galvaniseur, seit seiner Pensionierung Nachbauer des Schwabenlandes, Hermann Löhle sagt es an diesem verspielten Abend sspät, aber klar: „Wenn wir ein Modell bauen wollen, müssen wir erst eine Welt haben.“ So hat der achtzigjährige Basler Ex-Trämler Max Kurrus – Spezialität: Oberleitungen – nicht nur das Bernina Ospizio oder das bernische Bannwil en miniature schöngezimmert, sondern auch das viel zu laute Plauschlokal unter der Brücke neben seinem Wohnhaus nachgestellt. Die Graffiti konnte er leider nicht sprayen. Er musste sie malen.

Heidy Louise Ludewig allerdings, erst Stahlschlosserin in Leipzig, heute der Seidenmalerei zugewandt, baut ihre Modellwelten nach Erich Kästner oder Michael Ende. Und der ehemalige Informatiker René Mühlethaler erfand eine amerikanische Eisenbahn im „Mill Valley“ (Mühlethal), bevor er dann doch das Berner Oberland und das Wallis rekonstruierte.

Der 33jährige Schweizer Theatermacher Stefan Kaegi inszeniert mit den Experten Kurrus, Löhle, Ludeewig und Mühlethaler sowie mit der einzigen „wirklichen“ Schauspierin Rahel Hubacher und dem Tonkünstler Niki Neecke 90 Minuten lang einen „ländlichen Modellversuch“, wie „Mnemopark“ im Untertitel heisst. Im Foyer des Theater Basel wurden 37 Meter Modellgeleise verlegt und aufgebockt. Eigenwillig wirkt die Geografie: Auf Bannwil folgt der Fleischberg. Über seine Speckstreifen und Rindsplätzli fliesst jene Menge Milch, die sekündlich zu viel produziert wird in der Schweiz (alles genau im Massstab 1:87). Und auch das Huhn „Import“, Gastarbeiterin des Projekts, weigert sich partout, öffentlich ein Ei zu legen.

Die Bezeichnung Laientheater wäre grundfalsch für Kaegis Ansatz, der mit dem Regiekollektiv Riini Protokoll seit einigen Jahren in ganz Europa produziert. Richtig ist, dass sich Kaegi und Co. Ihre Darsteller im jeweiligen Projektthema selbst suchen. Die Riminis setzen auf die Recherche, die Betroffenen, die Experten – und somit gerade nicht auf Laien. Doch oft schleicht sich über den dokumentarischen Ton wieder das Theatrale in die Darstellung. Weil nicht nur Schauspieler spielen, sonder alle. Es geht also, alter Avantgarde-Traum, um die Theatralität des Alltags. Bei Matthias Hartmann wird man Rimini Protokoll im Schauspielhaus Zürich zu sehen bekommen. Im Theater Basel gibt's mit Kaegi einen Vorgeschmack.

„Mnemopark“, im Wortsinn also ein Schauplatz der Erinnerung. Eine Kamera-Lok fährt durch die nachgebldeten Landschaften – und wir schauen zu, wie diese Reise durch eine nur halb realistische Schweiz immer stärker imaginären Gesetzen und Geschichten gehorcht. Im Titel fasste dies ein Expo.02-Projekt bereits griffig zusammen: „ImagiNation“, die Nation als Einbildung.

Doch der Gegenstand rächt sich mit der der Zeit. Die Plastivizierung der Umwelt, die latente Niedlichkeiten und wattierte Wahrnehmung des Modellbaus lassen sich nicht verdrängen. Lustiger und relevanter als eine Bärendmodell-Invasion ist Kaegis ausgestellte Recherche aber mit Sicherheit.


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