Die Rückkehr des Bundestags

Weltstadt Bonn

Von Matthias Heine

29.06.2002 / Die Welt

Joschka Fischer gab es zweimal, Rita Süssmuth dreimal, Gerhard Schröder sogar viermal. Nicht jeder, der 273 Abgeordneten-Darsteller beim Projekt

"Deutschland 2" war selbstlos genug, die Rolle eines Hinterbänklers zu übernehmen. Alle zusammen waren sie in der Schauspielhalle Bonn-Beuel am

Donnerstag von morgens um neun bis gegen Mitternacht ernsthaft bemüht, eine zeitgleich im Berliner Reichstag stattfindenden Bundestagssitzung nach

dem Karaoke-Prinzip zu kopieren. Die Kopie - das wissen die Veranstalter von Elvis- und Diana-Ähnlichkeitswettbewerben ebenso wie die Hersteller von

"Malen nach Zahlen"-Sets - ist meist Ausdruck einer genau beobachtenden Liebe oder doch zumindest der Faszination.



Doch das wollte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) nicht wahrhaben. Er witterte hinter dem Theater-Experiment der Gruppe "Rimini Projekt" einen Anschlag auf die Würde des Parlaments und verbot die Nutzung des ehemaligen Bonner

Parlamentsgebäudes für "Deutschland 2". Damit bescherte er Matthias Lilienthal, dem Leiter von "Theater der Welt", das noch bis zum Wochenende in Köln, Bonn, Duisburg und Düsseldorf stattfindet, die kampflustige Solidarität der öffentlichen

Meinung in "Western West Germany" (so der Terminus der Festivalmacher). In jedem Rheinländer schläft eben ein kleiner Beuys - es müssen nur manchmal zwei Berliner, Lilienthal und Thierse, kommen, um ihn zu wecken.



Die Sorgen des Bundestagspräsidenten waren unbegründet. Die Kopie macht das Parlament nicht lächerlicher als das Original es selbst manchmal tut. In Bonn wurde nicht mehr Zeitung gelesen, gefeixt und dazwischen gerufen als in Berlin. Wer sich nicht mit vollem Ernst und großer Konzentration mühte, die per Kopfhörer aus Berlin übertragenen Reden nachzusprechen, ridikülisierte höchstens sich selber.



Dass es bei solchen verzweifelten Anstrengungen, wieder in den Fluss der Rede einzusteigen, oft zu hübschen Dekonstruktionen der Bundestagsalltäglichkeit kam, war ein willig in Kauf genommener Aspekt. Unser Lieblingsbeitrag zum Tagesordnungspunkt "Arbeitsmarkt"(9-11.20 Uhr) ging so: "Ich weiß wirklich nicht ..., ich weiß nicht..., ich weiß nicht... die

Investitionen, ... die Investitionen..., ich kann den Haushalt lesen..., ich kann ihn lesen." Die Erkenntnis, dass sich die meisten Beiträge auf die Sätze "Sie haben Versprechen gebrochen" (Opposition) und "Sie machen Versprechen, die sie nicht halten können" beschränkten, hätte man auch beim Original haben können. Ob allerdings der Abgeodneten Ilja Seifert (PDS)

zum TOP "Gesundheitsdebatte" (17.40-18.50) in Berlin tatsächlich genau so sprach, wissen wir nicht: "Es ist in Deutschland nicht selbstverständlich, dass jeder pflegebedürftige Mensch so oft auf die Toilette gebracht wird wie es denn nötig ist. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen."



Der Entzug des ehemaligen Plenarsaals durch Thierse hat "Deutschland 2" dennoch seiner nötigen Sinnlichkeit beraubt. Den Stimmen der Pseudo-Parlamentarier fehlte der historische Resonanzkörper. Mit ein paar blauen Stühlen und Podesten in Bonn-Beuel wirkte "Deutschland 2" eher wie eine Probe als wie das philosophische Großprojekt, das die Macher im Sinn hatten. "Repräsentanz" ist ja ein Lieblingsbegriff der Demokratietheorie, ebenso wie neumodischer soziokultureller studies. Lässt sich Repräsentanz umkehren oder potenzieren, wenn man die Vertreter des Volkes vertritt? So etwa lautet die Frage der Rimini Protokollanten Bernd Ernst, Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, die aber mangels Masse nicht beantwortet wurde.



Keinen Gefallen getan hat Thiese allerdings auch dem Parlamentsgebäude am Rhein und seinem Schöpfer Günther Behnisch. Einmal noch hätten die Augen Deutschlands sich auf dieses famose Beispiel einer demokratisch gedachten Architektur richten könne. Dem Besucher aus Berlin, der mit dem vom Festival gestellten Shuttle-Bus zum geplanten

Bühnenbild fuhr, kam spontan der Gedanke, dass man alles komplett einpacken und in die Hauptstadt verfrachten sollte. Zumindest vor dieser Demütigung sind die Bonner allerdings sicher.


Projekte

Deutschland 2 (Theater)