Radioortung - 10 Aktenkilometer Dresden

- Ein begehbares Stasi-Hörspiel

Von Haug / Wetzel / Brünger

Über zehn Aktenkilometer – je nach Zählweise – lagern im Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde in der ehemaligen Bezirkshauptstadt Dresden. Rimini Protokoll macht die damals entstandenen Akten zugänglich: aus der Perspektive der Betroffenen, an den Orten ihrer Entstehung. An die 50 Menschen wurden im Dresdner Stadtraum befragt, wie sie die Überwachung durch die Staatssicherheit erlebten. Sie rekonstruieren die Situation und stellen ihre Geschichte den Stasi-Akten entgegen. Wie hört es sich heute an, wenn sich ein so genannter „Staats- und Klassenfeind“ zu dem äußert, was sich der Staat zu ihm zusammenreimte? Wann und wo wussten die Observierten von dem Blick, der sie begleitete? Wann löst sich das Protokoll von dem ab, was eigentlich stattfand?

Die Besucher des Hörspiels werden mit einer Karte und einem GPS-Handy durch die Dresdner Innenstadt laufen. Das Handy ortet sie und bringt automatisch die Stimmen zu Gehör. Dabei stoßen die Spaziergänger mitten in der barocken Altstadt auf Observationsberichte, Persönlichkeitsbilder, Operativpläne, Gedächtnisprotokolle und Originaltöne aus den Archiven. Mit dem Blick auf die vertraute Alltäglichkeit der Stadt und den O-Tönen von damals im Ohr stellt sich für die Fußgänger ein seltsames Vexierbild her: Wie leicht ist es, einer banalen Handlung einen doppelten Boden zu unterstellen? Wie schnell wird etwas amtlich und unzweifelhaft, weil es einmal schriftlich festgehalten wurde?

Die Stadt wird zum unsichtbaren Museum, zum hörbaren, höchst subjektiven Archiv, das jeden einzelnen Besucher fordert, sich Geschichte(n) zu erlaufen und sich selbst zu positionieren. Über das GPS-Handy sind sie jederzeit ortbar und lösen bei ihrem Spaziergang durch die Stadt die Audio-Dokumente aus und machen sie so hörbar - für ihre eigenen Ohren, aber auch für die Personen, die sie online beschatten und ihre Bewegungen auf der virtuellen Karte verfolgen können. Und auch der online-Besucher kann sich durch den akustischen Observierungs-Stadtplan
bewegen. Allein oder in Gruppen gilt es für die Flaneure und die online-Besucher selbst mit der Rolle der Überwachungsinstanz umzugehen – in eigenem Auftrag auf der Suche nach den Audiopforten in und unter der Stadt.

 

 

Ein Projekt von Helgard Haug, Daniel Wetzel, Sebastian Brünger
Konzept: Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel

Mitarbeit Recherche und Schnitt: Michael Hoh

Produktionsleitung Dresden und Mitarbeit Recherche: Ute Meckbach

Projektsteuerung: Heidrun Schlegel 

Stimme: Sonja Beißwenger

Entwicklung Applikation und interaktive Karte: Udo Noll (Radio Aporee)

Radioortung ist ein Format von Deutschlandradio Kultur.
Eine Produktion von Rimini Apparat in Koproduktion mit dem Staatsschauspiel Dresden und dem Sächsischen Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen.
Gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Mit beratender Unterstützung der BStU Berlin und Außenstelle Dresden sowie der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. 

Mit freundlicher Unterstützung von Sony Mobile.