All right. Good night. > Hörspiel

Von Helgard Haug

Die MH370 war ein internationaler Passagierlinienflug der Malaysia Airlines. Am 8. März 2014 startete die Boeing mit 227 Fluggästen und zwölf Crewmitgliedern von Kuala Lumpur zu ihrem Zielort Peking: Unspektakuläre Routine für 39 Minuten und 13 Sekunden. Dann verschwand das Flugzeug vom Radar. Der vermeintlich letzte Funkspruch aus dem Cockpit: "All right. Good night." Der Fall war und bleibt ein großes Rätsel. Bis heute kann niemand erklären, wie eine Boing spurlos verschwinden kann. Und es scheint unmöglich, dass sie verloren bleibt. Obwohl die Suche die kostspieligste in der Geschichte und von imposantem Ausmaß war.
Kurz nach dem Flugzeug-Unglück schreibt der Vater der Autorin und Regisseurin dieses Hörspiels seinem Enkel vier Glückwunschbriefe zum Geburtstag. Der Inhalt fast identisch; jeder Umschlag mit Sondermarke frankiert. Ein Jahr später kommt gar keine Karte, der Geburtstag war wohl vergessen worden. Und irgendwann bekommt diese Vergesslichkeit einen Namen und wird zur Krankheit: Demenz. Der Name des Enkels verschwindet, dann die Tatsache, dass es einen Enkel gibt und schließlich die Gewissheit über die eigene Person.

 

Text, Montage, Regie: Helgard Haug 
Komposition: Barbara Morgenstern
Arrangement: Davor Branimir Vincze
Mit dem Zafraan Ensemble 
Mit den Stimmen von: Emma Becker, Evi Filippou, Margot Gödrös und Mia Rainprechter
Dramaturgie: Martina Müller-Wallraf
Sound Design live Sounds: Peter Breitenbach
Ton und Technik: Olaf Dettinger 
Aufnahmen: Michael Kube und Frank Böhle

Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks 2022
Ursendung: 20.3.2022

 

Von de deutschen Akademie der Darstellenden Künste ausgezeichnet als:

Hörspiel des Monats März 2022

Begründung der Jury: "Das Hörspiel „All right. Good night“ der Autorin und Regisseurin Helgard Haug des Performancekollektivs Rimini Protokoll möchte das Unfassbare fassbar machen. Unfassbar zum einen ist das heute noch unaufgeklärte Verschwinden der Maschine des Flugs MH 370 der Malaysia Airlines von Kuala Lumpur nach Peking im März 2014 – mit seinen insgesamt 239 Todesopfern. Unfassbar zum anderen ist der schleichende Prozess der „Volkskrankheit“ Demenz, der Erkrankte wie Angehörige gleichermaßen betrifft und auch zeichnet, körperlich wie psychisch.

Auf der einen Seite steht die Geschichte einer einzelnen Person im Vordergrund. Es handelt sich um den Vater der Autorin, dessen vor etwa acht Jahren festgestellte Demenzerkrankung und der persönliche Umgang mit dieser Krankheit: ein Schicksal, das allein in Deutschland millionenfach geteilt wird. Der schleichende und unaufhaltsame Krankheitsprozess kommt in persönlichen Notizen und Beobachtungen zum Ausdruck: „Er [der Vater] schreibt: ‚Stellt mir bitte direkt die Fragen, die ihr habt, ich möchte in der Krankheit nicht untergehen und ein unselbstständiges Objekt werden. Ich bitte Euch um Nachsicht für meine Fehler und Patzer, geht bitte erst einmal davon aus, dass es nicht Absicht ist, sondern Folge der Krankheit oder Ausdruck meiner Verwirrung und der Scham darüber.‘“

Auf der anderen Seite steht das kollektiv erfahrene Unglück der beim Flugzeugabsturz umgekommenen Personen im Vordergrund sowie exemplarisch die Suche eines Angehörigen, der dabei seine Familie verlor, nach Wahrheit, nach Gewissheit: „Ghyslain Wattrelos schreibt seiner verschollenen Frau und seinen Kindern. Nachrichten. Täglich. Täglich. Vielleicht empfangen sie ja diese Nachrichten, dort, wo sie jetzt sind, sagt er.“
Jene scheinbar unvereinbaren Erzählstränge werden im Hörspiel „All right. Good night“ von Helgard Haug mal parallel geführt, mal intelligent miteinander verknüpft und gleichberechtigt ineinander verwoben. Es werden darin Themen wie Vergessen, Verschwinden oder auch Verantwortung verhandelt. Die Balance zwischen nüchterner, sachlicher Beschreibungen und der Darstellung des Kampfs der einzelnen Personen gegen das Verschwinden und Vergessen wird im Laufe des Stücks nahezu immer ohne allzu großes Pathos gewahrt – verstärkt von der sehr präsenten, einem Requiem gleichenden Musik (Komposition: Barbara Morgenstern).

Der Text, die Musik und die Stimmen des Sprecherinnen-Ensembles erzeugen letztlich beim Hören einen starken Sog, dem man sich als Hörer*in nicht entziehen kann.

Blickt man zudem auf die bisherigen Theater- und Radioarbeiten von Helgard Haug und Rimini Protokoll zurück, vollzieht sich mit diesem Stück ein bemerkenswerter Perspektivwechsel. Nicht außenstehende Expert*innen des Alltags sind hier im Fokus, sondern es ist die persönliche Perspektive der Autorin und Regisseurin, die nun – gleichsam als Expertin des Alltags – den größten Raum der Erzählung einnimmt.

Dem Stück gelingt es, Unbegreifliches, nicht oder nur kaum Nachvollziehbares in eine konkrete und klare Sprache zu überführen; ihm gelingt, den Hinterbliebenen und Angehörigen, den Zurückgelassenen in ihren Auseinandersetzungen Raum und Ausdruck zu verleihen. Die Jury zeichnet daher „All right. Good night“ als Hörspiel des Monats März aus."