100% Klagenfurt

Eine statistische Kettenreaktion

Von Haug / Kaegi / Wetzel

In dieser Stadt ertönt sieben Mal täglich die Sirene des Rettungswagens, zum Beispiel wenn einer der jährlich 1000 Unfälle zwischen den 77.000 Autos geschieht – die meisten freitags zwischen 16 und 17 Uhr, zwischen den 20.000 Häusern, in denen 100.000 Menschen leben, die pro Kopf jährlich 217kg Hausmüll und 70kg Bioabfall produzieren, und von denen ca. 0,1% bei diesem Stück im Sommer 2018 auf der Bühne stehen. Unter ihnen ein Mann, der sagt, er werde in ein paar Jahren endlich Frau sein aber auch, dass er glaubt, in 10 Jahren nicht mehr am Leben zu sein; eine Frau, die sagt, dass sie in ihrer Stadt nicht Richterin werden kann, aber keine Probleme hat, in einem der Seen im Burkini baden zu gehen; eine Frau, die als Älteste auf der Bühne sagt, sie glaube an das sogenannte Gute und aber auch an Klagenfurt; ein Mann, der sagt, der Friedhof sei voll von Leuten, die sich für unverzichtbar hielten; einer, der die Stadt täglich während der Öffnungszeiten aus der Höhe 266 Treppenstufen sieht - dort, wo jahrhundertelang der einzige Ort war, wo ins Horn gestossen werden durfte - und 95 weitere, die auf der Bühne des Stadttheaters die Klagenfurter repräsentieren.

Zum Saisonfinale und zur 500-Jahr-Feier der Stadt Klagenfurt zeigt das Stadttheater auf der großen Bühne 100 % Klagenfurt.  Das Projekt verbindet die Stadt, ihre Bewohner und das Theater in einer statistischen Kettenreaktion auf besondere Weise miteinander, stellt sie in den Mittelpunkt und gibt der Stadt ein Gesicht, der Statistik viele Gesichter.

Gemeinsam mit 100 Klagenfurterinnen und Klagenfurtern, die sich in einer mehrmonatigen Recherchekette nach statistischen Maßgaben zusammenfinden, bilden wir die Stadtgesellschaft ab und zeigen auf der Bühne, was sonst hinter Zahlen verborgen bleibt. Eine repräsentative Stichprobe stellt sich auf einer großen Drehbühne zu immer neuen Gruppenbildern zusammen. Gruppenbilder als flüchtige Portraits von Zugehörigkeit. Als Familienersatz oder Kleinstverein. Nach Alter oder Wohnsitz, nach Geschlecht, politischer Gesinnung, Verkehrsmitteln, Brotaufstrichen, Dramatikern sortiert und dann, nach und nach, als Stimmenmeer, als geometrischer Körper auf 100 Quadratmetern Bühne...

Wir wollen auf die Suche gehen: Wer ist Klagenfurt? Wer sind wir? Wie setzt sich unsere Gesellschaft zusammen? Was macht die Einwohner Klagenfurts aus? Wo sind unsere Gemeinsamkeiten, was unterscheidet uns? Woran haben wir Freude, was macht uns traurig? Damit wird jenen auf unserer Bühne Raum gegeben, die tagtäglich das Leben in der Stadt ausmachen: den Klagenfurterinnen und Klagenfurtern.

 

Mit: 100 Klagenfurter*innen
Konzept: Helgard Haug / Stefan Kaegi / Daniel Wetzel


Regie: Daniel Wetzel

Mitarbeit: Philip Jenkins
Dramaturgie, Casting: Philine Kleeberg, Markus Hänsel

Licht Design/Video Design: Andreas Mihan

Bühnenbild-Adaption: Mascha Mazur, Andreas Mihan

Sounddesign: Peter Breitenbach
Live-Musik: MATAKUSTIX (Matthias Ortner, Christian Wrulich, Michael Kraxler)

Produktions-Assistenz: Christina Tischler, Elisabeth Wulz
Eine Produktion von Rimini Protokoll in Kooperation mit dem Stadttheater Klagenfurt 2018