Qualitätskontrolle

Von Helgard Haug, Daniel Wetzel

ICH habe nie gefragt, WARUM mir das passiert ist. Warum ich vor 20 Jahren zur Feier meines Abiturs mit meinen Eltern aus Stuttgart nach Kreta flog. Warum ich in den Pool der Ferienanlage sprang – kopfüber, auf der Nichtschwimmerseite. Das war die letzte Bewegung, zu der ich meinen Körper antreiben konnte. Seitdem herrscht Funkstille zwischen uns, von den Schulten abwärts. Ich wurde von meinem Vater am Rand des Pools beatmet. Ich wurde in der Klinik gefragt, ob ich überhaupt weiterleben wollte. Ich wollte unbedingt. Ich lebe fröhlichen Hauptes.
Ich werde dieses Theaterstück spielen. Es wird davon handeln, wie aus dem Abschluss der Reifeprüfung der Beginn meines Lebensweges wurde. Davon, wie sehr ich meine Schwester liebe und weshalb ich sie für einen besonders glücklichen Menschen halte, obwohl sie im Alter von 2 Jahren aufgehört hat, sich für andere messbar geistig weiterzuentwickeln. Ich werde in diesem Stück schwimmen. Ich werde die Welt bespielen und zeigen, wie sehr ich ein ganzer Mensch bin. Ich werde mit Frauen sprechen, die ein Kind erwarten, mit Genetikern, die die Qualität entstehenden Lebens testen. Ich werde mein Pflegepersonal bitten, für mich zu gestikulieren. Ich werde meiner Schwester die Bühne überlassen. Ich werde Fragen stellen dazu, was ein Mensch ist. Ich werde meine Antworten geben. Ich werde ohne technische Hilfe lachen: Ich lächle – oft.

"Ich falle – ICH" sind die letzten drei Worte, die in 'Black Tie' gesprochen werden, dem Stück, das um das "schwarze Loch der Identität" kreist, dem Stück in dem anfangs versprochen wird, dass das Wort ICH 276 mal gesagt werden wird, dem Stück in dem dieses Versprechen nicht gehalten wird, dem Stück in dem sich eine junge Frau, die Anfang der 70er Jahre aus Korea nach Deutschland adoptiert wurde, auf die biographische und genetische Suche ihrer Wurzeln macht. Mit QUALITÄTSKONTROLLE wird dieser Text fortgeschrieben, die Schattenjagd fortgesetzt. Das ICH hat sich verändert!

 

 

 

 

So paradox es klingen mag: man kommt geradezu beschwingt aus dem Theater. (...) Man ist ergriffen und fasziniert von Maria-Cristina Hallwachs, die uns zeigt, dass das Leben ein Wunder und ein Glück ist. Mit ihrer sanft ironischen und spielerischen Inszenierung schafft es Rimini Protokoll, dem schwierigen Thema die melancholische Trauer zu nehmen, alles ist von gedanklicher Tiefe und zugleich von lebensbejahender Leichtigkeit. Ich habe lange nicht mehr so einen klugen und bewegenden Theaterabend gesehen. (Frank Dietschreit, RBB kulturradio 11.11.2013)

 

Ausgezeichnet mit dem Publikumspreis des Mülheimer Dramatikerpreises „Stücke 2014“

 

mit 
Maria-Cristina Hallwachs
Timea Mihályi / Admir Dzinić

Konzept / Text / Regie: Helgard Haug und Daniel Wetzel
Bühne / Licht / Videomapping: Marc Jungreithmeier
Bühne: Marco Canevacci (Plastique Fantastique)
Video / Videomapping: Grit Schuster
Musik: Barbara Morgenstern
Dramaturgie und Recherche: Sebastian Brünger
Produktionsleitung: Heidrun Schlegel
Regieassistenz und Recherche: Markus Klemenz
Bühnenbildassistenz: Ewa Sobczak
Produktionsassistenz: Caroline Lippert
Inspizienz: Hans Beck, Thomas Hoffmann 
Regiehospitanz: Birte Niederhaus
Dramaturgiehospitanz: Lena Fritschle

Eine Produktion von Rimini Apparat in Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart.
Gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten.

Premiere: 7. Juni 2013 Spielstätte Nord, Stuttgart

Aufführungsrechte: schaefersphilippen Theater und Medien GbR