Die Schweiz am Roten Meer
Modultheater: Stefan Kaegis Mnemopark in Basel
Süddeutsche Zeitung, Jürgen Berger, 30.05.2005, 4487 Zeichen
Im Eidgenössischen gibt es mehr Hühner als Menschen; dagegen kommt auf zehn Einwohner nur eine Kuh. Kühe beanspruchten, wären sie so zahlreich wie Hühner oder Menschen, die gesamte Fläche der schluchtenreichen Schweiz. Hinzu kommt, dass gerade die Kühe inzwischen das grösste Problem der eidgenössischen Ökonomie sind. Man denke an idyllische Fleischberge neben malerischen Milchseen. Und man denke an die immensen Agrarsubventionen, die auch nicht verhindern, dass pro Tag sieben Schweizer Bauern das „bauern“ sein lassen und ihre Kuhställe zu Garagen umbauen.
Herr Hubacher zum Beispiel hat das gemacht. Er ist der Vater der einzigen Schauspielerin in der Uraufführung von Stefan Kaegis „Mnemopark“. Rahel Hubacher wuchs auf einem jener Höfe auf, die sich in den letzten Jahren vom bäuerlichen Betrieb zum multifunktionalen Dienstleister verwandelten. Das hört sich insofern zukunftsträchtig an, als gerade der Schweizer wohl immer ein werkelnder Homo Faber sein wird. Bald sonnt sich wohl der letzte Senner am Pool.
Das sind so die Fragen, die Stefan Kaegi im Hinterkopf hatte, als er sich Ausschnitte der Schweiz en miniature bauen liess, um mit tatsächlichen Darstellern und filmischen Tricktechniken ein eidgenössisches Baselwood entstehen zu lassen. Es wurde Zeit. Immerhin ist Kaegi inzwischen der wohl meistreisende Theatermensch und listet von Berlin bis Buenos Aires Details urbaner Lebenswelten auf, um aus schön-hässlichen Strukturen Realitätserkundungen zu filtern. Meistens macht er das mit Mitstreitern unter seinem Label „Rimini Protokoll“. Im „Mnemopark“ des Basler Theaters ist der gebürtige Solothurner nun ganz einfach Stefan Kaegi und hat nicht weniger als die gesamte Alpenrepublik im Blick.
Dabei stellen sich Fragen nach der Zukunft der Schweiz. Da der Forscher im öffentlichen Raum aber kein Science-Fiction-Autor ist und seine Arbeit in den Dienst journalistischer Recherche stellt, hält er sich auch dieses Mal weitgehend an Fakten. Die können, bohrt man nach, ziemlich geschichtenträchtig sein. Das gilt vor allem, wenn man auf Menschen trifft wie Basler Modulbau-Freunde, die als Modelleisenbahner und Liebhaber maßstabsgetreuer Landschaften in ihrem Vereinslokal alles nachbauen vom Matterhorn bis zur Züricher Innenstadt.
Mit dabei sind Max Kurrus, Hermann Löhle, Rene Mühlethaler und Heidy Louise Ludewig. Mit dabei ist vor allem aber eine Modellschweiz mit Tunnels, Bergen und Dörfern. Die Züge sind mit Minikameras ausgestattet und machen unter anderem Halt in Bannwil, wo die Kopie von Rahel Hubachers Elternhaus steht. Sie untertunneln aber auch ein real existierendes Huhn im Käfig, bevor sie durch ein Aquarium mit Fischen fahren und mittels projizierter Kamerabilder den Eindruck erwecken, die Schweiz liege im Roten Meer. Legen Hubacher, Ludewig & Co. Ihre Köpfe neben die Modellbahngleise, wirkt das, als sei die Schweiz ein Rübezahlland. Baut Kaegi ein fiktives islamistisches Terroristenpärchen ein, das aus dem indisch-pakistanischen Grenzgebiet ins Alpenländische einfällt und ein Ölreservoir sprengt, gibt es Miniatur-Pyrotechnik als Reflex auf die aktuelle Terrorphobie.
Das mit dem fernöstlichen Pärchen ist insofern nicht nur Fiktion, als die indische Filmwirtschaft seit langem in den Alpen schwülstige Bollywood-Schinken produziert. Da geht es genauso verschämt und züchtig zu wie in der Schweiz selbst, während die realen Darsteller im mnemotechnischen Erzählpark immer offener ihr Leben bloss legen. Das gilt vor allem für Heidy Louise Ludewig. Die gebürtige Leipzigerin ist Chefin am Stellwerk und agiert derart spielwitzig, dass man meint, die gelernte Stahlbauschlosserin sei Schauspielerin. Die Modulbau-Männer halten sich etwas zurück, tragen aber auf ihre Weise dazu bei, dass aus der Konfrontation von simulierter Lebenswelt und realer Zeitgenossenschaft spannendes Modultheater entsteht. Die vier Modulbaufreunde stellen sich nacheinander vor einen Blue Screen, treten eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit an und erzählen, wie sie wurden, was sie sind. Da lebt die Schweiz in Form von Biographien, und irgendwann meint man, Kaegis mnemotechnische Reise sei eine olympische Disziplin – mit Zeus als Chef aller Bergbauern und dem Matterhorn als Stammsitz der Mnemosyne, die von dort aus verbleibende Kühe zählt und sich erinnert, wie alles einmal war.
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