Gesellschaft des Spektakels
Die Gruppe Rimini Protokoll erklärt die Daimler-Hauptversammlung in Berlin zum Theater in der Hauptrolle: Dieter Zetsche
Süddeutsche Zeitung, Peter Laudenbach, 09.04.2009, Zeichen
So sieht eine gelungene feindliche Übernahme aus. Rimini Protokoll, Theatermacher, die sich darauf spezialisiert haben, theatralische Kommunikations- und Inszenierungsmuster in der Wirklichkeit zu entdecken und für ihre Zwecke zu nutzen, erklären die Hauptversammlung der Daimler AG zu einem Theaterstück. Und plötzlich weiß man nicht mehr, was reales Wirtschaftsleben und was eine Inszenierung ist, die nur dem eisernen Vollzug unerbittlicher Rollenmuster gehorcht. Ein komplizierter Vorgang, bei dem über milliardenschwere Transaktionen und die Zusammensetzung des Aufsichtsgremiums eines der größten deutschen Konzerne abgestimmt wird, wirkt plötzlich wie Theater. Was daran liegen könnte, das es genau das ist: Ein Theater-Format, wenn auch kein besonders schönes.
Um den Reiz dieses Doppelcharakters auszuleuchten, mussten die Rimini-Regisseure nicht mehr tun, als einige Aktien zu kaufen und mit ihnen rund 200 Theaterzuschauern die Zugangsberechtigung zur Hauptversammlung zu verschaffen. Ironisch nennen Rimini Protokoll in ihrem Programmheft die Konzernabteilung „Daimler Investor Relations” als die Regisseure der Veranstaltung. Eleganter dürfte das Prinzip Ready-Made selten im Theater fruchtbar gemacht worden sein. Geradezu rührend ist es, wie sich der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Bischoff in seiner Begrüßungsrede dieser Rimini-Zweckentfremdung zu entziehen versucht: „Das ist kein Theater und kein Schauspiel!”, ruft er ins Auditorium. Ein paar Sätze später lädt er die Aktionäre dann prompt zum „Dialog” ein. Der Deutsche Bühnenverein mit seinem ewigen Werbespruch „Theater muss sein” darf sich bestätigt fühlen: Es gibt in der Gesellschaft des Spektakels offenbar kein Entrinnen vor der Theatralisierung der Öffentlichkeit.
Der Hauptdarsteller der Darbietung ist etwas müde. Er quält sich lustlos durch seinen Monolog. Hinter ihm auf der sorgfältig ausgeleuchteten Bühne sitzen in breiter Reihe die Statisten: zwei Dutzend Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder ohne Text. Der Hauptdarsteller setzt mühsam seine Betonungen, baut unmotivierte Pausen und kleine Witzchen ein. Manchmal, wenn er eine schlechte Nachricht zu verkünden hat, und das hat er an diesem Tag öfter, schaut er mit sympathischem Pudelblick nach links oben, als säße dort ein gütiger Gott oder wenigstens ein großzügiger Großaktionär. Aber auch wenn sich der Solist Mühe gibt, seinem monotonen Singsang ab und zu etwas Emphase abzutrotzen („Ich sage das ganz offen, meine Damen und Herren . . .”), ist er das Gegenteil eines virtuosen Charakterdarstellers oder abgründigen Tragöden. Gleichwohl ist sein Publikum, etwa 6000 interessierte Zuschauer, so groß, dass man für die Darbietung, die von acht Uhr morgens bis Mitternacht dauert, das Berliner ICC mieten musste.
Der Hauptdarsteller mit dem endlos langen Monolog ist Dieter Zetsche, der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG. Das Stück, in dem er den Pflichten seines Amtes gehorchend aufzutreten hat, heißt „Hauptversammlung” und folgt der strengen Dramaturgie des deutschen Aktienrechts. Das schreibt bekanntlich vor, nicht unbedingt zum Vergnügen der Beteiligten, dass sich Aktiengesellschaften einmal im Jahr dem Votum ihrer Anteilseigner zu stellen haben. Aus den Notwendigkeiten juristischer Absicherung, den Formalien der Aktionärsdemokratie und der Simulation einer echten Aussprache entsteht ein sehr spezielles Inszenierungsmuster öffentlicher Kommunikation. Es gewährt Einblicke in eine unglaublich dröge Funktionsmechanik samt endlosen Fragen der Anteilseigener und möglichst formelhaften Antworten des Vorstands- wie des Aufsichtsratsvorsitzenden. Dazu passen die Horden von Kleinaktionären, die in den Foyers in endlosen Schlangen am Büfett anstehen, um eine armselige Kartoffelsuppe zu ergattern. So ungefähr muss man sich die Armenspeisung in einer Suppenküche zur Zeit der Großen Depression vorstellen. Wenn die Krise irgendwo voll angekommen ist, dann hier. Man könnte sagen, in der Hauptversammlung einer großen Aktiengesellschaft ist der Kapitalismus so trist, grau und freudlos, dass er sich zumindest unter ästhetischen Gesichtspunkten wie der verblichene Sozialismus anfühlt.
Das ist übrigens gewollt. „Dramaturgisch ist es aus Sicht des Unternehmens sinnvoll, so langweilig wie möglich zu sein. Alles, was Abwechslung bringt, verlängert die Sache und schafft unter Umständen unerwünschte Transparenz”, erklärt der Aktionärsschützer und Hauptversammlungsprofi Lars Labryga. So gesehen ist die Daimler-Hauptversammlung 2009 rundum gelungen.
Zugehörige Projekte

Seite empfehlen: