Kuscheln im Container
Lola Arias und Stefan Kaegi forschen mit Airport Kids in Lausanne
Süddeutsche Zeitung, JÜRGEN BERGER, 24.06.2008, 5729 Zeichen
Hätten sie ihre Spielsachen immer in einer Kiste versammelt, könnten sie sofort aufbrechen und ihrer Mutter oder ihrem Vater folgen. Besser noch, sie lebten selbst in einem jener Container, in denen auf internationalen Flughäfen Waren wandern. Eigentlich sind solche höhlenartigen Räume mit KuscheItieren der Traum aller Kinder. Muss man allerdings immer wieder mit der Kiste umziehen und alles zurück lassen, kann ein Albtraum daraus werden.
Der Nachwuchs leitender Angestellter sollte flexibel und früh erwachsen sein. Kristina zum Beispiel ist zehn Jahre alt, wurde in Krosnodar geboren, zog mit vier Jahren nach Moskau und mit sieben nach Lausanne. Ihr Vater ist bei Philip Morris in der Qualitätsprüfung tätig, sie selbst will Profi-Tennisspielerin werden. Von Moskau nach Lausanne zu wechseln, war wie eine zweite Geburt, erzählt sie. Mit der neuen Sprache sei sie eine andere Person geworden. Das hört sich beherrscht an, als habe das hoch gewachsene Mädchen alles im Griff. Plötzlich allerdings erzählt sie von der kleinen Ecke im Wohnzimmer der Moskauer Wohnung mit ihrem kleinen Bett. Da war sie zu Hause, jetzt ist sie unterwegs.
Kristina spricht Französisch und exzellent Englisch, wenn sie nicht gerade die nächste Liste der Verluste zusammenstellt. In Moskau ließ sie einige russische Wörter und ihre beiden Großmütter zurück. Verlässt sie irgendwann Lausanne, wird sie unter anderem Juliette vermissen. Juliette ist in Rom geboren und mit sieben Jahren ein Springteufelchen. Ihr Vater arbeitet bei Nestlé und ist für die Spielsachen zuständig, die der Konzern unter Cornflakes mischt. Die Römerin mit Wohnsitz Lausanne ist spontaner und direkter als die anderen Kids, vor allem aber ist sie verblüffend sicher im Text unterwegs und hat dieses „Hier bin ich und kann nicht anders“.
Eine Himmelshostess
Da es sich in „Airport Kids“um nomadische Kinder handelt, haben Lola Arias und Stefan Kaegi den einen oder anderen Experten im Zustand der Unschuld abgeholt und das kleine Kunststück geschafft, ihn auch dort zu belassen. Stellt man, wie seinerzeit Haug/Wetzel im Düsseldorfer „Kapital“, Experten der politischen Ökonomie auf die Bühne, hat das ironisch unterfütterte Versuche der Selbststilisierung zur Folge. Kinder aber sind selbst dann noch ganz ernsthaft bei der Sache, wenn sie wie Patrick (12) als Protokollchef mit konzentrier Miene in einer Art Zöllnerhäuschen sitzen und eine Ahnung davon haben, dass sie über die Berufe ihrer Eltern heikle gesellschaftliche Felder streifen. Patricks Mutter ist Irin und Vizepräsidentin der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Philip Morris. Ihr Arbeitstag ist lang, den Sohn umweht ein Hauch von Einsamkeit.
Zuständig für die Lausanner „Airport Kids“ sind Stefan Kaegi und Lola Arias. Der Gründungsprotokollant und die argentinische Autorin haben seit letztem Sommer nach der Idealbesetzung für ihre Feldforschung im. Reiseraum junger Global Player gesucht. Dann entwickelten, bearbeiteten und fixierten sie zusammen mit den Kindern die Texte, die diese nun erzählend oder in kleinen Rollenspielen von sich geben. Da ist wie immer bei Rimini Protokoll jene darstellerische Unschärfe mit im Spiel, die bei Experten des Alltags dazu gehört. Juliette etwa will später auf jeden Fall „Hôtesse du ciel“ werden, was man mit „Stewardess des Himmels übersetzen kann. Sie meint natürlich „Hôtesse de l'air“ und sagt das auf der Bühne dann auch, obwohl ihre Wortneuschöpfung genau jenen Phantasieraum öffnet, um den es geht, wenn Kinder spielen und das Theater eine Bühne zur Verfügung stellt.
Das Spielfeld im Lausanner Theater direkt am Lac Léman ist die Miniaturausgabe eines Cargo-Terminals. Gehen dann allerdings die Türen der Container auf, die in die Welt verschickt werden sollen, ist der Innenraum Zufluchts- und Traumort der Kinder und der Effekt seltsam doppeldeutig. Einerseits hat Dominic Huber mit dem Container-Ensemble ein Sinnbild für die Vereinzelung der nomadischen Kids gebaut. Es wirkt aber auch ungeheuer kuschelig, wenn bei der 11-jährigen Sarah die Tür der Box aufgeht und mit einer warmen Urwaldatmosphäre die Heimat ihres Vaters aufscheint. Er stammt aus Angola, musste wegen des Bürgerkriegs fliehen und lernte in Solothurn die Mutter von Sarah kennen, die eine Schneckenliebhaberin ist und ihr liebstes Haustier „Wirbelwind“ nennt. Eine der bestechenden Szenen des Abends: Sarah stellt auf einem Leuchtglobus mit Schnecken die Frontlinien des angolanischen Bürgerkriegs nach.
„Global reisen, lokal träumen“, könnten die Kinder sich auf die Fahne schreiben. „Airport Kids“ ist auch deshalb eine außergewöhnliche Rimini-Arbeit, weil Kaegi und Arias mehr als sonst medial verfremden. Immer wieder erscheint ein Kind als Projektion auf einem der Container, andere können mit der Projektion sprechen. Das wirkt, als kommunizierten gerade noch anwesende Kids mit bereits abwesenden Nomaden. Eine hat es tatsächlich erwischt. Die 8-jährige Garima, die im indischen Pune zur Welt kam und in Bangkok zur Schule ging, ist zur Zeit wieder mit ihrem für Tetra Pack arbeitenden Vater unterwegs. In Lausanne gibt es Garima nur noch als Projektion, ganz im Gegensatz zum 14-jährigen Clyde, der ein außergewöhnliches Reisekind ist – er kommt aus einem Waisenhaus in Indien. Seine Mutter kennt er nicht, jetzt lebt er in einer Schweizer Adoptivfamilie, spielt hervorragend Schlagzeug und macht nur dann Bekanntschaft mit dem nächsten Flughafen, wenn die „Airport Kids“ zum Festival nach Avignon und nach Berlin ins Hebbel am Ufer reisen.
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