"Shooting Bourbaki - Ein Knabenschießen in Berlin" in
Berliner Zeitung, Henrike Thomsen , 30.03.2002, 2336 Zeichen
Nur für fünf Sekunden stellt die Pupille scharf. Da heißt es ruhig zielen und fest stehen, um den
Pistolenlauf beim Rückschlag nicht zu verziehen. Valentin, Thomas, Diego, Ahmed und Adrian dürfen in einem Schießkeller in Luzern zum ersten Mal ballern. "Was geschieht, wenn die Augen enger werden und die Hand in der Luft meditiert? Wovon träumen Jungs mit 15?", gab ihnen das Regie-Trio Haug/Kaegi/Wetzel, das dieses Ereignis filmte, als Frage vor. Die Fünfer-Bande antwortet mit einem Theaterabend, der ihren inneren Film in den Sekunden vor dem Abdrücken
zeigt.
Haug/Kaegi/Wetzel hatte schon mit "Kreuzworträtsel Boxenstopp" (am Frankfurter Monsounturm) einen semidokumentarischen Ansatz vorgestellt; darin wurde die Lebenswelt eines Altenheims mit der Medieninszenierung der Formel 1 konfrontiert. Diesmal geht das Kollektiv einen ähnlichen Weg: mit Jugendlichen, die dem Publikum cool erklären, wie ein Schallmesser funktioniert, ehe sie sich im Kampfgebrüll messen. Überhaupt können sie genaue Auskunft über ihre Phantasiewelten geben. Ahmed kramt kleine Spielzeug-Aliens hervor und ordnet jedem in der Gruppe eine Figur samt Wunderwaffe zu. Irgendwo zwischen "Star Wars", "Take That" und "Fünf Freunde" liegt dieses Jungs-Universum, in dem der Übergang zwischen Fernbedienung und imaginierten Laserkanonen fließend wird.
Die Faszination durch die Waffe bildet auch einen Brückenschlag in die Realität der Väter, die als
Polizisten und Hobbyschützen erscheinen. Während das Video aus dem Luzerner Übungskeller abläuft, stellt die Jungs-Gruppe die männliche Initiationserfahrung noch einmal nach und gibt ihr neues Geheimwissen zum besten. Im Schießanzug steht es sich nur mit angelegter Pistole wirklich bequem. Die Zehn auf der Zielscheibe ist "so groß ist wie der blinde Fleck in deinem Auge". Jeder Schweizer Schuljunge muss wissen, dass Geld die beste Waffe ist. Dies lehrt die Legende vom General Bourbaki, der im Deutsch-Französischen Krieg Soldaten aus Paris Asyl gewährte - gegen eine Millionen-Rechnung.
"Shooting Bourbaki" entdeckt im Motiv der Waffe eine Schnittstelle verschiedenster männlicher
Sozialisationsmodelle und lässt die Heranwachsenden darüber reden. Packender könnte ein Theaterabend nicht ausfallen.
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