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Aller Laster Anfang

Nächste Ausfahrt Europa: Stefan Kaegis LKW-Dokutheaterprojekt "Cargo Sofia" rollt von Erfolg zu Erfolg

Süddeutsche Zeitung, Renate Klett, 11.11.2006, 9974 Zeichen

Nun sind sie also wieder zu Hause nach ihrer Odyssee kreuz und quer durch Europa, angekommen in jenem Ithaka, das auch bald dazu gehören wird: Slavcho und Vento, die bulgarischen LKW-Fahrer von Stefan Kaegis Dokumentar-Performance "Cargo Sofia". Müde sind sie und erschöpft; seit Mai waren sie unterwegs mit ihrer immer neuen Menschenfracht aus Basel, Berlin, Essen, Avignon, Ljubljana, Warschau, Zagreb und Belgrad. "Früher haben wir totes Fleisch gefahren", sagt Vento sarkastisch, "heute fahren wir lebendes".

"Cargo Sofia" ist ein Stück über moderne Nomaden jenseits von TruckerRomantik und Road Movie-Verklärung. Ein elf Jahre alter Volvo-Laster wurde zum mobilen Zuschauerraum umgebaut: drei gestaffelte Sitzreihen für 47 Augenzeugen hinter längsseitigen Panoramascheiben, die Bühne ist die Welt oder ihre Simulation. Kaegi erzählt seine Geschichte auf vier Ebenen. Die virtuelle Reise von Sofia zum jeweiligen Bestimmungsort wird per Videoeinspielung figuriert. Dann geht die Leinwand hoch und gibt den Blick frei auf ein Stück reale Außenwelt, das tatsächlich die angekündigte Reisestation sein könnte - es ist verblüffend, wie viele überzeugende "Grenzübergangs-Situationen" es in europäischen Vorstädten gibt, komplett mit Schlagbaum und Wachhäuschen.

Die dritte Ebene, das sind die eingeblendeten Schriftbänder zur Geschichte des Fuhrunternehmers Willi Betz aus Reutlingen, der mit kriminellen Methoden von Sofia aus zum größten Spediteur Europas wurde - 7000 LKWs sind für ihn in Westeuropa unterwegs, mit bulgarischen Fahrern zu osteuropäischen Dumpinglöhnen. Derzeit steht Betz" geschäftsführender Sohn in Stuttgart vor Gericht. Und viertens ist da die geheimnisvolle Sängerin, in jeder Stadt eine andere, die während der Rundfahrt immer wieder draußen auftaucht, auf Verkehrsinseln, zwischen Bäumen oder an Straßenkreuzungen, auch mal per Rad oder Auto die rollende Road Show begleitet, und wunderschön traurige Lieder singt. Wie Babbits Nachtfee steht sie für das, was fehlt, verkörpert Fernweh und Heimweh, Liebe und Sehnsucht zugleich.
Fahrende Surrogatverkäufer

Kaegis Spiel mit Realität und Fiktion, Markenzeichen der Gruppe Rimini Protokoll, der er angehört, ist so ausgeklügelt und feingestimmt, dass beides ineinander verschwimmt. Der Riesenberg alter Autoreifen, an dem der LKW-Bus vorbeifährt - ist das ein Fundstück oder Teil der Inszenierung? Die wartenden Männer am Großmarktschalter - sind das Statisten oder Händler, die für ihre Papiere Schlange stehen? Auf nichts ist mehr Verlass, und so kommt es denn zum ultimativen Readymade: Generalprobe in Sofia, im Fußballstadion spielt der FC Chelsea gegen Lewski Sofia, und auf den Straßen drumherum ist die Hölle los. Wir nähern uns dem Stadion, und die Hupkonzerte, quietschenden Reifen, Polizeisirenen werden immer lauter. "Ist das jetzt echt oder von dir?", und Stefan Kaegi, Manipulationsmeister, Realitätsfälscher, Surrogatverkäufer von hohen Graden, antwortet: "Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht."

Je öfter man "Cargo Sofia" sieht, desto mehr Einzelheiten entdeckt man. Die Aufführung ist eine Überforderung, sie bombardiert ihr Reisepublikum mit so vielen Eindrücken, Bildern und Informationen, dass einem der Kopf schwirrt - und das auf höchst lustvolle Weise. Die mal komischen, mal erschreckenden Trucker-Geschichten, die Ventzislav Borissov und Svetoslav Michev erzählen, von der Tankstelle in Iran, wo man ein Playboy-Heft gegen einen vollen Tank Diesel tauschen kann, oder vom Bestechungs-Ritual an der serbischen Grenze, wo jedes Papier, jeder Stempel seinen genau festgesetzten Preis in Zigarettenschachtel-Währung hat - sie sind nur die Spitze des Eisbergs. Man ahnt, was alles nicht erzählt wird, denn auch hier sehen sich die Realität und ihre Aufbereitung zum Verwechseln ähnlich.

Die Geschichten sind an allen Orten dieselben, nur ihre Reihenfolge ändert sich je nach Strecke. Die einzelnen Stationen variieren wie die Landesgrenzen. Die Reiserouten ergeben geographisch manchmal wenig Sinn (von Sofia nach Belgrad über Griechenland und Italien, von Berlin nach Sofia über Frankreich), das ist dem vorhandenen Videomaterial geschuldet. Wichtiger ist, dass es überall gelingt, jene internationale Architektur-Tristesse zu finden, die erst die Behauptung, man führe gerade durch Berlin oder Belgrad glaubhaft macht. Selbst das schöne, stolze Avignon ist hors les murs so trostlos wie alle anderen "Cargo"-Städte. Bei fast jeder Reise kommt ein Abstecher zum Großmarkt vor (was für Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa!), zur Waschanlage, zu Lagerhäusern und LKW-Rastplätzen inklusive Gesprächen mit "Kollegas" und Erläuterungen der parkenden Modelle. Dazu, je nach Angebot, Container-Terminals und Binnenhäfen oder, in Sofia, eine surreal anmutende Mülldeponie mit weißen Plastiktrommeln voller Pressmüll, aufeinander geschichtet wie zu einer Kunstinstallation.

Dass Sofia der Ausgangspunkt aller Reisen ist, außer der letzten, die "Cargo Berlin-Sofia" heißt, hat mit realen Fakten zu tun (nicht umsonst errichtete Willi Betz gerade hier sein Dumping-Imperium) und mit Peter Anders, dem Leiter des dortigen Goethe-Instituts, der gemeinsam mit Kaegi das Projekt ausheckte. Glücklicherweise ahnten die beiden nichts von den Schwierigkeiten, die vor ihnen lagen. Einen LKW in einen TÜVfähigen Menschentransporter umzubauen (offiziell ist es nunmehr ein Bus), der dann in zehn Ländern innerhalb und außerhalb der EU zugelassen sein muss, ist, man ahnt es, kein Kinderspiel - von dem Geld, das so was kostet, ganz zu schweigen. Doch mittlerweile gibt es so viele Anfragen aus aller Welt, dass Stefan Kaegi jetzt in Sofia eine neue Casting-Runde einläutete. Denn ob und wie lange die beiden Fahrer weitermachen wollen, ist derzeit nicht sicher.

Wer Ware transportiert, ist zehn Tage, zwei Wochen unterwegs, aber dann wieder zurück. Eine Theatertournee, besonders, wenn sie so erfolgreich ist, geht immer weiter. "Dies ist nicht sein Zuhause, dies ist sein Hotel", sagt Ventos Frau und meint die gemeinsame Wohnung. Die beiden Trucker wachsen einem auf der Zwei-Stunden-Reise, die real fünf Tage dauern würde, richtig ans Herz. "Mit Amphetaminen und ohne Schlaf ginge es in fünfzig Stunden, aber das ist verboten", sagt Slatcho - wieder so ein Satz zum Gruseln.

Man lernt viel über das endlose Warten an den Grenzen (bis zu 20 Stunden, meist unbezahlt), die Verpflegung, die nur aus Mitgebrachtem besteht, das Sich-Zurechtfinden-Müssen in fremden Städten, die Verlockungen des Straßenstrichs, die unerschwinglich sind bei einem Arbeitslohn von 0,05 Cent pro Kilometer. Ursprünglich sollte dies ein Stück über Trucker werden, die von ihren Erfahrungen berichten. Dass die auch wirklich er-fahren werden, ergab sich aus der Rimini-Methode - Kaegi zeigt seine Darsteller, die er "Experten" nennt, gern bei der Ausübung ihres Expertentums, das ihr Beruf, aber auch ein obsessives Hobby sein kann.
Kapital der Straße

Und wenn man die Aufführung in mehreren Städten sieht (etwa in Berlin, Avignon, Belgrad und Sofia), stellt man im scheinbar Gleichen schnell die Unterschiede fest: Im Westen genießt man den Ausflug ins Unwirtliche als Exotik (Sieh deine Stadt mit anderen Augen!), in Osteuropa ist man eher beschämt, manchmal gar verärgert, dass vorwiegend die dunklen Seiten des Ortes besichtigt werden (Das muss man den Leuten doch nicht zeigen!). Aber dann verwischt sich doch alles, denn je länger das Projekt dauert, desto mehr speist es sich als echtes Work-in-progress aus den eigenen Quellen, und so kann man über den Autoput in der Umgebung von Belgrad fahren und dabei Videoaufnahmen von Lastern auf französischen Autobahnen einspielen: Die Landschaft ist ähnlich, das Bild auf der Leinwand und durch die Scheibe fast austauschbar.

Natürlich sind solche Effekte nicht so einfach, wie sie aussehen, alles muss minutiös geplant, getimt und ausgetüftelt werden. Kaegi arbeitet mit Google earth, wo sich Satellitenbilder von Städten so aufzoomen lassen, dass er schon am Computer eine Vorstellung bekommt, wo er suchen muss. Dann macht er Recherchereisen, auf denen er eine ungefähre Route zusammenstellt, und wenn dann das Fahrzeug und alle Mitarbeiter vor Ort sind, haben sie ein paar Tage Zeit für die Feinarbeit. Gerne lässt er bei den Stopps die dortigen "Experten" ihre Arbeit erklären und vorführen: die Verwalter und Kontrolleure, Verlader und Sortierer. Es geht immer um die Fracht, das materialisierte Kapital der Straße in unterschiedlicher Gestalt. Slatcho etwa hat früher Kühltransporte mit Fisch von Bodrum nach Madrid gefahren: "Ich habe auch Lizenz für gefährliche Güter und Überlange", fügt er hinzu, "nur Nuklearmaterial darf ich nicht".

Die LKW-Fahrer als Kings of the Road - sind es moderne Helden oder arme Schweine? Kaegi sieht sie "eher als Maultiere: vor den Karren gespannt, müssen sie Scheuklappen tragen und kriegen meistens die Peitsche. Meine große Überraschung beim Kennenlernen dieser Fahrer war, dass sie oft sehr bieder sind. Das Trucker-Bild, das ich vorher hatte, das große Freiheitsgefühl, so wie man das aus amerikanischen Filmen kennt, habe ich nicht gefunden. Andererseits: Wer jemals in einem LKW gesessen hat, drei Meter über der Straße, da fühlt man sich schon irgendwie überlegen."

Beim Casting fragt Stefan Kaegi die Kandidaten nach den schlimmsten und den schönsten Momenten ihrer Reisen. Beim schlimmsten sind sich alle einig: Es ist immer eine Polizeikontrolle, oft eine deutsche. Und die schönsten? Der freundliche ältere Fahrer, der jahrzehntelang durch Europa und den Nahen Osten getourt ist, sagt verlegen: "Der schönste Moment war, als ich in Florenz Wartezeit hatte und mir das berühmte Museum ansah." RENATE KLETT

Nächste Stationen: "Cargo Sofia-Riga" (noch bis 14. November), "Cargo Sofia-Frankfurt am Main" (24. November bis 1. Dezember), "Cargo Sofia-Wien"(19. bis 22. Dezember), "Cargo Sofia-Straßburg" (6. bis 15. Februar 2007)

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