Wer tict schöner? Rimini Protokolls „Chinchilla Arschloch, waswas“

Das persönliche Leid zum Assett machen: Rimini Protokoll wollen dem Tourette eine Bühne bieten. Falsche Authentizitätsversprechen beerdigen sie nebenbei – so gekonnt, dass man fast nix davon mitbekommt.

By Katharina J. Cichosch

17.04.2019 / sicvosnonvobismag.wordpress.com

Wenn man ein Sinnbild der Symbiose aus Leid und Kunst für die heutige Zeit suchen müsste, dann wäre es wohl noch immer Frida Kahlo: Die mexikanische Malerin ist sicherlich auch deshalb noch einmal in einem zweiten, dritten Aufguss zur Instagram-Ikone geworden, weil sie ihr eigenes körperliches Gebrechen so schonungslos auch gegenüber der eigenen Person in Öl gießen konnte. Das Versprechen auf Authentizität schwingt immer mit. Zynisch korrekt: Das persönliche Leiden muss schon irgendeine Mindestsichtbarkeit erreichen, um als Assettgelten zu dürfen. Und es muss reproduzierbar sein, einen Wiedererkennungswert fürs Publikum bereithalten. 

Psychische Unzulänglichkeiten sind da schon deutlich komplizierter zu verwerten. Und neurologische? Die Theatergruppe Rimini Protokoll machte jetzt die Probe aus Exempel: In „Chinchilla Arschloch, waswas“ bespielen Christian Hempel und Benjamin Jürgens die Theaterbühne im Bockenheimer Depot (später kommt auch noch der hessische SPD-Politiker Bijan Kaffenberger hinzu). Beide vermeiden in der Regel beides, das Theater und die Bühne. Zu anstrengend sei das Stillhalten und Ruhigsitzen unter so vielen Menschen, erklärt Jürgens in einer Art Vorwort. Dazwischen miaut, schnalzt und räuspert er sich – Nachrichten aus seinem Zwischenhirn, dass der Stresspegel aktuell etwas ansteigt. Bei Hempel dominieren motorische Tics und lautes Fluchen. Sein unwillkürliches „Arschloch! Heilhitler! Mausmaus!“, das unvermittelt zwischen eloquent formulierten, vom Blatt abgelesenen Passagen aus ihm herausschreit, dürften dem Stück wohl zu seinem Titel verholfen haben.

Alle drei Protagonisten haben Tourette, ein Syndrom, das Unwissende schnell irritiert, aber auch fasziniert: Motorische und verbale Entgleisungen, die unter Anspannung oft schlimmer werden. Wer von den heute hier Anwesenden wohl gekommen ist, um einmal einen echten Tourette-ler zu sehen? Wie viele Lacher nicht den aufgeführten, sondern den unwillkürlichen, oft großartig komischen Tics gelten? Kein Problem, räumt Jürgens ein: Herzliches Lachen ist ihm willkommen. Nichts solle außen vor bleiben an diesem Abend. Und wer sich unwohl fühlt, der kann auf speziell bereitgestellten, extra breiten Sofas und Sesseln Platz nehmen. 

So handelt „Chinchilla Arschloch, waswas“ vor allem von den Voraussetzungen, unter denen die hier Anwesenden überhaupt künstlerisch tätig werden können: Christian Hempel liest eine lange Liste an Bedingungen vor, die er im Vorfeld ans Theaterkollektiv gestellt hatte. Benjamin Jürgens benötigt „Wasserinseln und Cannabis“, sein Medikament, das ihn zwischendurch wieder zur Ruhe bringt. Und auch Barbara Morgenstern, ohne Tourette-Syndrom, gibt eigene Unsicherheiten in der Interaktion zwischen liefernder Künstlerin und erwartendem Publikum zu Protokoll. Ihre Musik strukturiert diesen Abend mit und ohne Tourette, der mit insgesamt 28 Akten in 100 Minuten sehr kleinteilig und kurzweilig verläuft. Mögliche Stationen dabei: Pizzaberatung für einen Gast aus dem Publikum, richterliche Verfügungen gegen Hempel und Jürgens verlesen, Kaffenbergers Rede im Hessischen Landtag lauschen, das grandiose „Wer zuerst tict, hat verloren“ und später „Wer tict schöner?“ spielen. Barbara Morgenstern kann inzwischen niemand mehr etwas vormachen: „Das war schon arg forciert,“ lautet ihr Jury-Urteil, oder: „Ganz schön lasch!“ Sie vermisse Wortkreationen wie „Marzipanleiche“, an diesem Abend ist der Kreativitätspegel der Zwischenhirne offenbar nicht ganz so beeindruckend wie an anderen Tagen. Einige ihrer liebsten Begriffe, aus einer gemeinsamen Reise mit Hempel und seiner Tochter zum Meer (ein Hörspiel-Feature, gewissermaßen der Vorreiter zu diesem Stück), hat sie zu einem Liebeslied verarbeitet:

„Pampelmusenarsch,

Pausenbrotmuschi,

Nautische Nuss, Du

Das Arschmeer, MeerMeer“

Und so geht es noch eine Weile weiter.

Am Ende gibt es standing ovations und das wohlige Gefühl, nach dem sich wohl jedes Publikum ein wenig sehnt, irgendwie Momente der Wahrhaftigkeit erlebt zu haben also. Dass die aber nichts mit Begriffen wie Authentizität und Ähnlichem zu schaffen haben, wird spätestens im Nachgang deutlich, wenn all die kurzen Szenen Revue passieren, die im Moment ihrer Darbietung so beiläufig wirkten, aber vermutlich nichts anderes als gekonnte Imitation real möglicher Situationen waren: Die Momente, in denen Bühnenschollen verschoben und die Bühnentechniker herbeigerufen wurden, damit sie auffegen („Es wäre nett, wenn jemand mal die Scherben wegräumen könnte, die gehen mir tierisch auf die Nerven“) oder Keyboardtasten auf Linie bringen mögen, zum Beispiel. Authentizitätsversprechen, wie bei diesem Thema gottgegeben vorausgesetzt, beerdigt das Ensemble nebenbei. So gekonnt, dass man als Zuschauerin wenig davon mitbekommt. „Wir haben viel geübt,“ erklärt Hempel in einem der letzten Akte des Stücks, „an der Wiederholbarkeit gearbeitet.“ In diesen Momenten zeigte „Chinchilla Arschloch“, eine Art Nicht-Theaterstück, neben drei höchst sympathischen Tourette-Protagonisten und einer ebenfalls sympathischen Nicht-Tourette-Barbara Morgenstern wohl das, was man als große Schauspielkunst bezeichnet. Und die Tics? Alle „echt“? Man müsste mehrere Aufführungen besuchen, um da sichergehen zu können.


Projects

Chinchilla Arschloch, waswas.