Schiessen oder Nichtschiessen?

Auszug aus dem Proben-Logbuch eines dokumentarischen Theaterprojektes von Lola Arias und Stefan Kaegi.

By Stefan Kaegi

23.01.2020 /

Chácara Paraíso (Landsitz Paradies) heisst das grösste Militärpolizisten-Ausbildungslager Lateinamerikas. 2500 Militärpolizisten werden hier, im Norden der Stadt São Paulo, trainiert. Chácara Paraíso heisst auch das dokumentarische Theaterprojekt von, mit und über brasilianische Polizisten, das die argentinische Schriftstellerin Lola Arias und den Schweizer Theatermacher Stefan Kaegi im Dezember 2006 nach Brasilien führt. Kaegi und Arias haben während der ersten gemeinsamen Recherche- und Probenzeit in losen Skizzenbüchern Methoden, Zweifel sowie Disziplinarmassnahmen von Polizei und Theater reflektiert.
 
Bühnenbild 1: Favelasimulation
Dezember 2006. São Paulo. Stolz zeigt uns ein Polizei-Azubi eine improvisierte und gänzlich unbewohnte Siedlung im Wald von Chácara Paraíso: „Hier liegt bei der Übung eine Matratze mit einer Waffe darunter“, sagt der 17jährige mit seiner Stimme eines 13jährigen, „und hier oben im Dach sind die Drogen versteckt. Wir kesseln ein und stürmen. Einige von uns müssen Gangster sein, aber ich spiele lieber Polizist...“
 
Ein Kilometer tiefer im Wald beobachten Lola und ich, wie ein 18jähriger mit Uniform mit einer Waffe voran in eine Mauerlandschaft stürmt. Aus den Wänden klappen Pappkameraden:
Mann mit Bart und Pistole (schiessen!)
Fotograf mit Fotokamera (nicht schiessen!)
Gut aussehende Frau mit Revolver (schiessen!)
Mann mit Bart und Geisel (nicht schiessen!)
Die Figuren in indianisch-brasilianischem Malstil auf durchlöchertem, aber wieder verklebtem Karton.
 
In Chácara Paraíso soll nächstes Jahr eine ganze „Bühnenbildstadt“ in der Grösse von drei Fussballfeldern entstehen: Häuser, Strassen, Wände... zur Simulation der gefährlichsten Teile der Stadt: Ein begehbares, befahrbares, beschiessbares Bühnenbild für über 100 Militärpolizisten.
 
Bühnenbild, Kostüm, Maske, Requisiten, Pyroeffekte. - Theater, das eine Welt vorspielt, wie sie den Teenager-Soldaten bald in echt begegnen wird. Die Probe mag wie Theater aussehen, soll aber nicht zu einem differenzierten, sondern zu einem beschleunigten Urteilsvermögen führen. Militärpolizisten sollen nicht zuschauen sondern handeln.
 
Chácara Paraíso heisst das Projekt, das mich nach Brasilien, wo ich einen Teil meiner Jugend verbracht habe, zurückbringt. Gemeinsam mit meiner Freundin, der argentinischen Schriftstellerin und Theatermacherin Lola Arias.
Lola schreibt in Buenos Aires Familiengeschichten über Scharfschützen und inszeniert auf der Bühne Küsse von Freunden. Ich habe im letzten Jahr vor allem mit Modelleisenbahnminiaturen und bulgarischen Lastwagenfahrern in europäischen Transiträumen gearbeitet. Lolas feine, poetische Theatersprache bewegt sich in den letzten Jahren immer dezidierter auf performative Akte und unkalkulierbare Menschen zu. Meine dokumentarischen Recherchen unternehmen in den letzten Projekten immer ausgiebigere Umwege in die Fiktion. In der Mitte zwischen uns liegt São Paulo.
 
Das Skript
Gemeinsam recherchieren wir für ein dokumentarisches Theaterprojekt. Gemeinsam mit einem guten Dutzend von 140.000 Polizisten in ganz São Paulo wollen wir eine lebende Ausstellung inszenieren. So der Plan. Ein öffentliches Bild finden für Polizisten, die man in Südamerika nur als uniformierte Hindernisse kennt: Schützen. Bestechliche Chaoten. Drogendealer. Waffenverkäufer. Wenn du Probleme hast, ruf nicht die Polizei, ruf lieber die Räuber, heisst es in einem Samba von Chico Buarque.
 
These: Chácara Paraíso soll nicht verurteilen, nicht besser wissen als, sondern mitwissen als ob. Zu Wort kommen lassen.Theater. Identifikation.
 
Figur 1. Trompeter Versolato
Seargento Versolato vom Musikcorps findet die Idee klasse. Er bläst jeden zweiten Tag die Trompete in Uniform:
- Fürs Polizeisymphonieorchester (gerne Wagner, aber auch neue Werke, des Kompanie-Komponisten)
- Für die Bataillone beim Exerzieren (es gibt extra Tonfolgen für Stillgestanden, Rechtsum, Ausruhen)
Manchmal, wenn das Polizeiorchester die leisen Passagen von Rossinis Oper „Guillaume Tell“ übt, werden die Musiker von Schreien und Schlägen übertönt. Das „Batalhão de Choque“ trainiert direkt nebenan. Wenn das für seine Ausschreitungen gegenüber Demonstrationen berüchtigte Einsatzkommando Szenarien für Gefängnisrebellionen einstudiert, haben die Musikanten Tränengas in den Augen.
Versolato ärgert das.
Versolate ist ein sensibler Musiker. Aber nichtsdestotrotz muss Versolato jeden zweiten Tag auf Streife. Dann fährt er wieder mit Blaulicht durch die Agglomeration und sucht in Favelas nach Waffen unter der Matratze.
 
Figur 2. Polizeiphilosoph Lucio
Auch Capitão Lucio findet die Idee richtig. Der ausbildungsbeauftragte Militärpolizist studiert nach Dienstschluss Erasmus von Rotterdam an der Uni. Er wünscht sich von Herzen gern eine Selbstreflexion des Apparates Militärpolizei, dessen Vergangenheit in der Militärdiktatur noch mitnichten aufgearbeitet, geschweige denn vor Gericht verhandelt worden ist. Aber seine Chefs halten ihn für einen Träumer.
Als wir Lucio kennen lernen, wird in seinem Büro gerade die Weihnachtsdekoration aufgehängt. Eine Uniformierte steht auf dem Stuhl und hängt goldene Kugeln vor Fahndungsbilder.
Lola notiert: Experte in Renaissance, hoch, schlank und mit einem Lächeln voll perfekter Zähne.
 
Das ist auch São Paulo. Dasselbe São Paulo, in dem dieses Jahr über 300 Polizisten im Dienst durch Schusswaffen starben.
Im Herbst 2005 stimmte eine deutliche Mehrheit der Brasilianer in einer Volksbefragung gegen ein allgemeines Waffenverbot. Wie sollen sonst Väter ihre Familie verteidigen, hiess es. Hier gilt das Gesetz des Stärkeren. Brasilien ist ein Land von Eroberern, sagt Produzent Matthias Pees.
 
Macht vor Vernunft.
 
Deshalb braucht auch jeder Polizist, der bei uns mitspielen will, die Zustimmung seines Vorgesetzten, und der wiederum die Zustimmung seines Vorgesetzten. Lucio bittet seinen Vorgesetzten um eine Bewilligung. Aber Lucio ist nur Capitão und nicht Coronel. Wir haben ein entsprechendes Papier verfasst und bei der Öffentlichkeitsbeauftragten eingereicht.
Vergiss es, sagt Lola. Die werden unser Projekt nie bewilligen. Lola ist in Buenos Aires schon als Kind vor Polizisten davongerannt. Sie hat Freunde, deren Väter wurden von der Militärjunta verschleppt und sind nie wieder aufgetaucht.
 
Versolato und Lucio sollen Teil unseres Ensembles werden. Wenn Probenarbeiten eines Stücks mit dem Besetzen der Rollen beginnen, dann beginnt die Probenarbeit zu Chácara Paraíso mit dem Aufsuchen der Figuren. Wir bewegen uns durch einen Pool von Polizisten, indem wir uns weiterempfehlen lassen:
- Anrufen (Wir haben gehört, Sie sind der beste Sprengstoffexperte São Paulos...)
- Anklopfen (Sind wir hier richtig beim psychologischen Dienst der Polizei?)
- Überraschen (Wir sind Regisseure, und Sie hier beim Marschtraining sind ja eigentlich auch so etwas wie Choreograph...)
 
These: Es gibt eine Form strategischer Naivität.
 
So kommen wir zu Experten der Wirklichkeit, die sofort beginnen, Ihre Rolle zu spielen:
Figuren 3-5:
Coronel Maria Aparecida (die „erschienene Maria“!) von der Pressestelle erzählt uns von einem uniformierten Historiker, der sämtliche Lieder der Polizei seit den 30er Jahren (einschliesslich der Zeit der Militärdiktatur) singen kann, sie will mit seiner Nummer aber nicht herausrücken bevor ihr Chef das nicht bewilligt.
Coronel Reginaldo zeigt uns alle Orden seiner Laufbahn (einschliesslich diejenigen der Rota, der gefährlichsten unter den Einsatztruppen zu Zeiten des Militärregimes). Als wir ihn nach dem grössten Fehler in seinem Leben fragen, überlegt er lange und sagt dann, er habe nie einen Fehler gemacht.
Capitão Luca beginnt mitzudenken: “Ihr wollt eine Aufführung in einem Hochhaus? Dann ruft bei der Zentrale des Sondereinsatzkommandos an, die spielen euch das komplette Entschärfen einer Bombe vor.“
 
Vergiss es, sagt Lola.
 
Und doch rutscht den Offiziellen immer mal wieder etwas Menschlichkeit heraus:
- In einer Kaffeepause erzählt uns Maria Aparecida von ihrem Hobby: Stricken.
- Coronel Reginaldo zeigt uns Götterfiguren aus Holz auf seinem Schreibtisch und führt uns in seinen spiritistischen Glauben ein: Wir Spiritisten können mit Verstorbenen in Kontakt treten. – Sprechen Sie auch mit verunglückten Kollegen und deren Opfern? – Das habe ich noch nie versucht.
- Capitão Luca erklärt uns den Einsatzplan zur Räumung eines besetzten Bürohochhauses: Schade, sagt er, dass die illegalen Bewohner nach der Räumung obdachlos sein werden.
 
Lucio, Reginaldo, Versolato... In der Polizei gibt es jeden Namen nur ein Mal. „Nomes de guerra“. Kriegsnamen. Sie funktionieren wie Telefonnummern. Jeder Name steht für einen Menschen und seine Rolle.
 
Lola spricht portugiesisch mit spanischem, ich mit deutschem Akzent.
Seit 2001 arbeite ich regelmässig in Südamerika, oft stehen dabei Menschen im Vordergrund, die eine Art Türschwellenfunktion einnehmen zwischen denen die etwas haben und denen, die weniger haben: Menschliche Trenner, die bewachen indem sie wach bleiben: In „Torero Portero“ (2001, Córdoba) waren es Argentinische Pförtner, in „Mátraca Catraca“ (2003, Salvador da Bahia) waren es brasilianische Busfahrkartenverkäufer, die nur Bezahlende durchs Drehkreuz lassen und in „Sentate“ (2003, Buenos Aires) Zoowächter, Wachhunde und Hundespazierer. Immer wieder waren in diesen südamerikanischen Projekten Menschen zugleich Instrumente und Objekte von Macht. In ihrer Geduld, in ihrem Witz und in ihrer Sprache erzählte sich Südamerika. Auch das Vokabular der brasilianischen Polizei spricht Bände:
elemento = verdächtige Person
meliante = Verbrecher
marginal (vom Rand) = Verbrecher
viatura descaracterizada = Polizeiwagen ohne äußere Kennzeichen
fazer reconhecimento = sich zum Vorfallsort begeben
solicitante = Anrufer der Notrufnummer 190
ocorrência = Vorfall, der Polizeieinsatz verlangt
pista quente (heisse Piste)= Ort, wo scharf geschossen wird
pista fria (kalte Piste) = Ort, wo nicht geschossen wird
a casa caiu (das Haus ist gefallen) = die Verbrecher sind umzingelt
estrangular a arma = zu viel Druck auf die Waffe ausüben
municiado = bewaffnet
alvejado = getroffen
ladrão bom (guter Dieb) = erfahrener, gelassener Dieb
companheiro de farda (Uniformormkamerad) = Polizeikollege
paisano = Zivilist
interno = Polizist, der Büroabeiten ausführt
ir pra rua = auf Patrouille gehen
 
 
Figur 6: Seargento Iracema
Sargento Iracema ist Telefonistin bei der Notrufnummer 190. Sie empfängt durchschnittlich 800 Anrufe am Tag. Dabei ist sie nur eine von 400 Polizei-Telefonistinnen in der Stadt.
Die Hälfte der Anrufer sind Kinder, die ihr einen Streich spielen wollen. So dass die andere Hälfte erst einmal die Authentizität ihrer Not belegen muss: „Ehrlich, kein Scherz. Mein Vater steht mit einem Messer vor meiner Mama...“
Andere rufen an, nur um mit jemandem zu reden, weil sie alleine sind, Angst haben, traurig sind. Iracema muss entscheiden:
- Der Anrufer will sich umbringen >> Iracema versucht vorsichtig zu trösten und klar zu machen, dass es für Suizidgefährdete eine andere Telefonnummer gibt
- Der Anrufer ist einfach nur traurig >> Iracema muss auflegen. Andere Notfälle warten, Trost ist nicht ihr Job.
Iracema fragt: Was bringt euer Projekt?
 
These: Theater kann ein Feldstecher sein, ein Mikroskop, mehr als ein Spiegel ein Guckkasten nach draussen. Und Theater kann ein Sockel sein für Menschen, denen wir sonst selten so sprachlich genau, so ästhetisch geschult, so zeichentheoretisch aufmerksam zuhören, wie wir das im Theater gewohnt sind. Daraus kann eine Freiheit in den portraitierten Figuren selbst entstehen, die mindestens so viel über sie selbst verrät, wie über die Institution Theater, die auf sie schaut.
 
Lola schlägt die Schaffung einer neuen Kategorie fürs Logbuch vor: Choreographien
Choreographie 1: Ausfahrt der Autos..
Wenn in der Zentrale des „Batalhão do Choque“ mittags die Trompete 3 mal bläst, stehen die Autos schon bereit. 10 in einer Reihe.
Trompetensignal: alle schlagen gleichzeitig die Autotür zu.
Trompetensignal: alle Motoren zünden.
Trompetensignal: 10x Blaulicht an.
Trompetensignal: 10x Sirenen an.
Trompetensignal: Ausfahrt mit 20km/h.
Auf zum Mittagessen.
 
Bühnenbild 2: SESC
Termin mit der SESC-Leitung. Hier wird unser Projekt produziert und aufgeführt. Wir haben uns beim Lesen des Projektes Sorgen gemacht, gesteht der Direktionsvertreter Sergio: Wenn ihr mit Pförtnern oder mit Hausangestellten oder mit Strassenkindern arbeiten würdet, würden wir euren dokumentarischen Ansatz sofort verstehen, aber mit Polizisten? – Das Gespräch nähert sich einer ideologischen Arbeitskorrektur. SESC ist die Abkürzung für „Serviço Social do Comercio“, die Sozialstiftung der Handelskammer, die zugleich der grösste und wichtigste Kulturanbieter von São Paulo ist. Die Leitung hat kein Interesse an einem Skandal. Polizisten sind böse, das weiss hier jeder am Tisch, entweder aus Erfahrung oder intuitiv.
 
Am Abend schauen wir brasilianische Filme: „Prisioneiros de qrades de ferro“ über den grössten Gefängniskomplex Lateinamerikas, Carandiru im Norden Sao Paulos, im letzten halben Jahr vor seinem Abriss. Und "Ônibus 174" über eine Geiselname in einem Bus in Rio, bei der am Ende Entführer wie Geiseln von der Polizei erschossen wurden.
Lola ist am Ende des Filmes aufgewühlt: „Dieses Thema ist zu gross. Meine Theaterstücke habe ich in der Hand. Da weiss ich, was ich tue. Hier habe ich den Eindruck, mich in eine Welt einzumischen, die nicht meine ist. In der alle Zuschauer schon mehr wissen als ich.“ Ich verstehe. Aber kann hier Polizei wirklich nur anhand von Morden und Überfällen erzählt werden? Gibt es nicht genauso die Geschichte jedes einzelnen Mitarbeiters? Die Biographien derjenigen, die nicht die Elitetruppe bilden? Ich sage: „Unser Projekt muss ein dezentrales bleiben. Eines, das sammelt und zu Wort kommen lässt“. – Lola entgegnet: „Wenn wir zu Wort kommen lassen, müssen wir wissen, was unsere Darsteller zu sagen haben und wir müssen dafür die Verantwortung übernehmen.“ Ich bin unsicher. – Kann eine soziale Plastik nicht genau umgekehrt vorgehen?
 
Bühnenbild 3: Exerzierplatz.
Dienstagnachmittag. In Chácara Paraíso werden Schreichöre geübt, 50 Stimmen gleichzeitig: „Wir sorgen für Frieden, unsere Kraft gilt der Harmonie, wir verteidigen unser Volk, wir sind die Dritte Kompanie!“ hallt es durch das Tal von Chácara Paraíso. „Die Militärpolizei ist dem Leben und der Menschenwürde verpflichtet!“ Einheit durch Dezibel. Dann wird marschiert.
Lola notiert: Die Rekruten marschieren in Jeans, weil sie noch keine Polizeiuniform tragen dürfen. Doch die Jeans sind alle gleich, wie eine „Unform junger Zivilisten“.
Die Polizisten werden der Grösse nach sortiert. Vorne die Grossen, hinten die Kleinen, zuhinterst meistens die Frauen.
Ein Instruktor winkt uns näher. Er freut sich, dass die Disziplin seiner Truppe Ausländer interessiert. Langsam sollen wir um das Bataillon gehen und filmen, schlägt er vor. Ein Tracking Shot ohne Stativ. Die Gesichter der 18-jährigen beim Stillstehen. Der Autofokus gleitet über ihre Schläfen ins Dreiviertelprofil, da höre ich „Direita!“ (Rechtsum!) und – ruckzuck – die ganze 50köpfige Menschenbatterie schwenkt ihren Blick wieder genau in die Kamera.
Lola notiert: Wenn die Kamera zoomt, kann man erkennen, dass einige in sich hinein lachen oder das Lachen kaum unterdrücken können, andere sind um ein Heldengesicht bemüht und ziehen die Augenbrauen zusammen, wieder andere blicken wie Schlafwandler.
 
Wenn die Kamera zoomt, zeigt sie das entstellte Gesicht jedes einzelnen Soldaten beim Schreien, beim Stillstehen, beim Exerzieren. Die Kleinen beim Grosse-Schritte-machen, die Grossen beim Kleine-Schritte-machen. Der Krampf des Rhythmushaltens im Ensemble.
Wer spielt hier für wen?
Der Kommandant zeigt die Effizienz seines Drills.
Die jungen Soldaten zeigen ihre Fernsehtauglichkeit.
Wir zeigen unsere Bewunderung.
 
Bühnenbilder 4/5: Polizeimuseum und Polizeikirche
Das Polizeimuseum findet sich direkt hinter den Ställen der Kavallerie. In Vitrinen Waffen, wie sie bis in die 80er den Beamten dienten, darunter ein Schild: „Zuvor von der deutschen Waffen-SS benutzt“. Weiter hinten ein Bild der englischen Königin bei der Abnahme einer Parade der Militärpolizei. Händeschütteln mit Diktatoren.
Aber schon ein paar Schritte weiter über die Strasse ist die Welt wieder in Ordnung: Die Polizeikirche. Hier heiraten jedes Wochenende Polizisten, und wenn sie unter der Woche in der Mittagspause beten kommen, lassen sie die Waffe im Büro.
 
Figur 7. Polizeipsychologin Valdira.
Der Polizeiapparat produziert auch richtiges Theater. Polizeipsychologin Valdira erzählt: Letztes Jahr haben wir eine Schauspieltruppe beauftragt, ein Aufklärungsstück zu erarbeiten, in dem Polizisten lernen sollen, mit Selbstmordgedanken fertig zu werden. Der Suizid-Index ist innerhalb der Polizei viermal so hoch wie ausserhalb, sagt Valdira in einem Büro voll Bücher. Trotzdem weigern sich viele Polizisten nach einem tödlichen Schusswechsel in psychologische Beratung zu gehen.
 
Figur 8. Wagner
So auch Wagners Vater. Wagner – ein beliebter Vorname in Südamerika – ist Soziologe. Lola schreibt auf, dass er der Typ Mensch ist, der mit dem ganzen Körper lacht. Wagner hat seinen Vater vor 8 Jahren durch einen natürlichen Tod verloren. Am Sterbebett zeigte der Vater ihm Orden („im Kampf gegen den internationalen Kommunismus“) und erzählte endlich mehr über seine Zeit als V-Mann mit falschen Papieren, als Metallgewerkschaftler während der Militärdiktatur. Wagner begann Spuren zu finden für das, was er während dem Soziologiestudium dauernd vermutete: Dass sein liebevoller Vater Teil des Verschleppungs- und Folterapparates war, der Anfang der 70er Jahre seine Professoren durch regelmässige Hausdurchsuchungen und Festnahmen einschüchterte, gefangen nahm, folterte.
Für Wagner wird es unendlich schwer sein, an diesem Projekt teilzunehmen. Über den eigenen Vater Geschichten zu erzählen, von denen die eigene Familie nichts wissen will. So wie Wagner geht es ganz Brasilien.
 
Wo sich zu dieser Polizei positionieren, fragt Joachim Bernauer vom Goethe Institut.
Wo die Polizei und wo das Publikum positionieren, fragen wir.
These?
 
Plan B. Drei Wochen nach Einreichen unseres Gesuchs bei der Öffentlichkeitsbeauftragten haben wir immer noch keine offizielle Antwort von der Militärpolizei. Wir schalten Anzeigen: Gesucht: Polizisten, Expolizisten und Verwandte von Polizisten für ein „biographisches Kunstprojekt“. Eine Tageszeitung von São Paulo, die „Folha“, druckt den Text. Der „Estado“ weist ihn ab: Polizisten dürfen nicht gesucht werden, weil sie keinen Zweitjob annehmen dürfen. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass 70-80 Prozent der Polizisten hier sich ihre 300-400 Euro Monatsgehalt durch Nebenjobs als Nachtwächter oder Privatsecurity aufbessern.
 
Figur 9: Cleber
Cleber meldet sich auf die Anzeige: Vor 10 Jahren wurde sein Traum wahr, als er in die gefürchtete Anti-Terroreinheit „Choque“ aufgenommen wurde. Doch schon bei einem seiner ersten Einsätze musste er Kollegen festnehmen, die Zivilisten ausgeraubt hatten. Heute arbeitet er als Motoboy (Motorradkurier). Seit 2 Jahren läuft ein Verfahren wegen Totschlags gegen ihn. Auf dem Heimweg von der Arbeit „rutschte ihm bei einem Überfall die Pistole aus“. Einer der Angreifer war schnell tot. Dass er bei der Geschichte nicht ganz unschuldig war, lässt er zwischen den Zeilen durchblicken.
 
Unsere Gespräche sind Textmotor, Biographierekonstruktion und Lüge zugleich. Alexandre, ehemaliger Gefängnisaufseher, der zum Casting-Termin - wie Lola diagnostiziert - auf Koks erscheint: „Vor laufender Kamera sage ich nicht, dass ich Gefangene geschlagen habe.“
Wer für Chácara Paraíso seinen Text selbst schreibt, macht aus sich eine Figur, die mit einem selbst soviel zu tun hat wie eine Totenmaske. Sie lässt sich vom Gesicht lösen, kann aber jederzeit wieder passend aufgesetzt werden.
 
Bühnenbild 6: Polizeifriseursalon
Lola notiert: Wir besuchen den Frisiersalon der Polizei. Ein Soldat lässt sich gerade die Haare schneiden, während sich eine schwangere Frau, die im Telefondienst 190 arbeitet, Hand- und Fußnägel pflegen lässt.
Ein Polizeisoldat erzählt uns, dass der Haarschnitt eines Polizisten immer der gleiche ist: an den Seiten ganz kurz und oben etwas länger. Je höher die Charge sei (Oberst, Leutnant, Hauptmann), erklärt er, desto länger dürften die Haare über der Stirn (nach vorn) sein. Die Schwangere com COPOM (Operations-Zentrum der MP) sagt, dass Polizistinnen sich nicht die Haare färben dürfen, es sei denn, die Haare würden schon grau, dann müssten sie aber die Originalfarbe beibehalten. Die Nägel seien ganz kurz zu halten und das Make-up diskret. In Chile würden die Polizistinnen während der Ausbildung sogar Make-up-Unterricht bekommen.
 
Die Arbeit mit Lola ist die Arbeit mit einer Schriftstellerin. Sie begann unter der Prämisse, dass dieses Projekt über die eigentliche Dokumentation hinaus Fiktion wird. Polizisten rekonstruieren die Todesfälle ihrer gefallenen Kameraden oder simulieren eine Blitzräumung eines Hochhauses.
 
Doch oft generieren die Polizisten ihre Fiktion selbst:
Figur 10: Sandra
Sargento Sandra arbeitet in der hausinternen Videoproduktion. Zu Ausbildungs- und Motivationszwecken sowie kurz vor Weihnachten dreht und schneidet sie mit 3 Polizistenkollegen Clips, die Polizisten ein Image geben: ein Gegengewicht zur öffentlichen Darstellung von Bataillons als Schlägertrupps. Polizisten spielen darin Polizisten und Banditen, wechselweise. Zum Queensong „We are the champions“ montieren sie:
Häuserdurchsuchungen
Gewaltvoll vor dem Tod errettete Selbstmörder
Lachende Polizisten auf Pferden über Demonstranten.
No time for Loosers, but we are the champions...
 
Lola fragt: Hören Polizisten im Kopf Musik, wenn sie in einen Schusswechsel geraten?
 
Choreografie 2: Formatura
Bald ist Weihnachten. Zur „Formatura“, der Abschlussfeier der Polizeioffiziersausbildung, wird ein Zeremoniell mit viel Geometrie und Uniform inszeniert. Lola protokolliert:
Als wir ankommen stehen alle breitbeinig still. Der rechte Arm aufgestützt, der linke hinter der Schulter. Der Tanz beginnt. Die synchrone Bewegung von hunderten von uniformierten Körpern baut Linien auf und wieder ab: Rechtecke von verschiedenen Grössen. Die Anweisungen des Choreografen sind transparent: Rhythmus, Kopf hoch, Blick zum Horizont, Beine, die sich um 90 Grad knicken, Arme gestreckt, Hände offen. Ich stehe mit dem Fotoapparat genau in einer Ecke des Vierecks und wohne dem Moment bei, in dem der Marsch abbiegt. In dieser Kurve gibt es einen Moment des Zweifels, des ungeschickten, wo die Bewegung nur unscharf choreografiert ist.
Dann Stillstand. Plötzlich geht ein kleiner Bube in Polizeiuniform mitten durch die Choreografie, für alle sichtbar. Ich frage mich, ob es der Sohn eines Polizisten ist, oder ein geschrumpfter Polizist, ein Polizist, der durch das viele Marschieren zum Jungen wurde.
Fussnote: Der Marsch stellt Schönheit durch Disziplin her. Alle Körper formen zusammen einen einzigen Körper, den Polizeikörper. Es gibt keine Solisten, keine Improvisation, nur Standard.
 
Figur 11: Polizistenneffe Alailson
Wer in São Paulo Polizist werden will, muss mindestens 20 Zähne haben. So steht es in den Bewerbungsunterlagen. Wir casten den Prothesen-Spezialisten Alailson. Sein Onkel war Polizist - er selbst stellt dritte Zähne her. In breitem Bahiano-Portugiesisch berichtet er uns, wie der Onkel manchmal nach ein paar Bieren spät am Abend mit der Dienstwaffe aufs Sofa schoss. Wir wollen Alailson engagieren und bauen ihm einen Extratisch fürs Zubereiten von dritten Zähnen. Zubeissen und Durchhalten.
Doch nach der ersten Probe verschwindet er für immer.
 
Überhaupt tauchen Polizisten und ihre Angehörigen genau so schnell auf wie sie wieder verschwinden. Dieses Projekt ist ein Bermudadreieck.
 
Wer sind unsere Figuren?
Lola sagt: Es gibt Sätze, die funktionieren.
Ich sage, es gibt Menschen, die glaubt man nicht.
 
These:
Unsere Figuren werden auch ausserhalb unseres Projektes erzählen, wer sie jetzt sind, wen sie jetzt spielen. Sie werden zu Interviewpartnern, diktieren Journalisten ihre Biographie ins Notizbuch – so, wie wir sie gemeinsam erfunden haben.
 
Juan, einer der argentinischen Pförtner aus „Torero Portero“ wurde beim Münchner Gastspiel von einer Runde Theaterwissenschaftler gefragt, ob er denn jetzt Schauspieler sei. Juan verneinte: „Eher eine Art Botschafter. Ich bin hier, um die Situation von uns Pförtnern und vom krisengeschüttelten Argentinien gegenüber dem Publikum zu vertreten.“
 
Januar 2007. Noch drei Wochen bis zur Premiere. Coronel Maria von der Pressestelle erklärt uns, dass sie keinem Polizisten eine Autorisierung zur Teilnahme an diesem Projekt erteilen kann. Die Dienstregeln der Polizei sehen keine Öffentlichkeit für die Polizisten als Menschen vor.
Inoffiziell, fügt sie hinter vorgehaltener Hand hinzu, dürfen die Polizisten natürlich in ihrem Privatleben tun was sie wollen.
 
Unsere Telefonistin Iracema traut sich nicht, ohne Autorisierung aufzutreten. Sie tut nichts ohne Anweisung. Sie sagt ab. An ihrer Stelle wird eine Kollegin von ihr hinter anonymisierendem Milchglas auftreten.
 
Choreographie 3: Hundetraining.
Am nächsten Morgen fahren wir zur Polizeidressur. Je einem Hund wird ein Polizist zugewiesen. Vom Training (1½ Jahre) bis zur Pensionierung des Hundes (7 Jahre). Lola notiert: „Die Hunde haben einen genauen Arbeitstag: 45 Minuten üben. 6 Stunden arbeiten. Dazwischen leben sie in Betonzellen wie im Gefängnis.“ Im Training lernt der Hund mit einem Spielzeug das Aufsuchen von riechendem Material. Später wird das Spielzeug durch Kokain ersetzt. Wir schauen zu und loben. Lola stellt fest: Zwei Positionen beherrscht der Schäferhund jetzt schon perfekt: Angreifen und Totspielen auf Kommando. Die Hunde lernen Deutsch: Sitz! Pfui! Fass! Deutsche Sprache = Kommandosprache. Portugiesisch ist im Ernstfall zu langsam.
 
Polizisten haben für Entscheidungen nur Sekunden Zeit:
Schiessen oder Nichtschiessen.
Hilferuf oder Finte.
Lüge oder Wahrheit.
Theater oder Leben.
 
Lola notiert: Die Eselsleiter bei der Ausbildung im Schiessstand heißt abgekürzt V.I.D.A. (ver – identificar – decidir – agir = sehen – identifizieren – entscheiden – handeln). V.I.D.A. (das Leben) ist ein Prozess, der höchstens vier Sekunden dauern darf.
Wie ist das wohl, für einige Zeit Polizist zu sein, wie Präsident für einen Tag?
 
Figur 12: Sebastião
Sebastião ist 78 Jahre alt und bringt zum Casting einen ganzen Plastiksack voller Orden mit. Seine Frau sitzt in der Ecke hinten und souffliert ihm die Namen der acht verschiedenen Uniformen, die er in 38 Jahren Laufbahn durchgewetzt hat.
In einem karierten Schulheft hat Sebastião zur Vorbereitung alle Verbrecher notiert, die er in seiner Dienstzeit festgenommen hat. Sie haben liebevolle Namen wie „Pinga“ (Schnaps) oder „Pelezinho“ (kleine Pelé). Überhaupt erzählt Sebastião von ihnen, als seien sie seine Freunde gewesen: „Dann sind wir zu Hause bei ihm vorbeigegangen, und er hat sich hinter dem Schrank versteckt. Als wir ihn fanden, fragte er, warum kommt ihr ausgerechnet heute, ich habe noch so viel zu tun.“ Wenn Sebastião von Räubern spricht, wird São Paulo zum Märchenland.
„Aber heute“, sagt Sebastião, „respektieren die Verbrecher die Polizisten nicht mehr“. Er ist froh, dass keiner seiner Söhne Polizist geworden ist.
 
20. Januar: Polizistensohn Wagner sagt ab.
 
Arbeiten in Südamerika ist immer immer Krisenmanagement im letzten Moment. Am Tag der Hauptprobe von „Torero Portero“ fiel in ganz Cordoba der Strom aus und tags darauf streikten die Bühnenarbeiter. In Salvador erschien der Hauptdarsteller zur Premiere 45 Minuten nach Vorstellungsbeginn. Die Generalprobe von Lolas „Amor es un Francotirador“ musste wegen massivem Regen durch Löcher im Dach des Theaters abgesagt werden. – Im SESC bereiten sich alle auf eine Räumung des Lokals durchs Batalhão do choque vor. Die Kuratoren haben immer noch nicht verstanden, dass unsere Arbeitsweise keinen Skandal sondern Dissens schaffen wird.
 
Erste Proben beginnen. Der Zivilpolizist Marcel erscheint mit Stoppelbart und Jeans, ganz der Kumpel aus der Bar, aber als er aufsteht, um das Fenster zu öffnen, sehen wir seinen Revolver im Gurt. Er trägt ihn rund um die Uhr. Selbst, wenn er mal betrunken sein sollte, ist er bewaffnet und verpflichtet, einzuschreiten.
Nach der Probe fragt Hospitantin Manuela entsetzt: Wird er auch während der Aufführung seine Waffe tragen. Intuitiv bejahe ich: Natürlich wird er bewaffnet sein, wenn er immer bewaffnet ist. Manuela hat vor Waffen Angst und sagt: Das gibt einen Skandal. In einem Land, in dem selbst private Bürger ohne Schein Waffen tragen dürfen, soll ausgerechnet das Tragen von Waffen ein Bühnentabu sein? Das Theater im SESC ist nicht Brasilien. Wenn das ein Zuschauer sieht, gibt’s einen Skandal, wiederholt Manuela. Wir wollen keinen Skandal wegen Waffen. Was nun?
 

Projects

Chácara Paraíso