Naturalistisches Theater einer Stadterkundung

By Maya Künzler

20.09.2013 / www.theaterkritik.ch

Besammlungsort ist in der Kirche Allerheiligen im Neubad-Quartier Basel. Doch vorne wird niemand auftreten und keine Hostie verabreicht. Die theatrale Kommunion besteht in einer gleichsam aktiven wie passiven gemeinsamen Stadtbegehung zu ausgesuchten öffentlichen Orten. Fünfzig Leute folgen in «Remote Basel» über Kopfhörer den Anweisungen einer körperlosen Stimme, die sich Julia nennt. Kein Zufall wohl, dass der Regisseur Stefan Kaegi von der renommierten Gruppe Rimini Protokoll als Ausgangspunkt eine Kirche gewählt hat. So bezeichnet sich die künstliche Hörfigur quasireligiös als «Hirte» ihrer Publikumsschar; und auch sonst klingen gewisse Sätze wie der Bibel abgelauscht: «Ich bin in eurer Mitte, ohne da zu sein.»

Es ist ein ironisches und intelligentes Spiel mit der Online-Game-Kultur, wo auf virtueller Ebene Menschen zur Schnitzeljagd ausschwärmen, ohne sich gegenseitig persönlich zu kennen. «Remote Basel» schickt ein real existierendes Zuschauergrüppchen auf Stadterkundung auf heimischem Terrain, und schafft es dabei, vergnüglich leicht und philosophisch unterfüttert, unsere Trampelpfade durch den Städtedschungel etwas aufzuweichen. «Nimm wahr, wie weich sich der Rasen unter deinen Füssen anfühlt!», weist uns die Hirtenstimme sanft an, nachdem wir das harte Pflaster einer dicht frequentierten Kreuzung überquert haben. Ja, das tun wir, und noch vieles mehr. Mit erhobenem Arm, ein persönliches Requisit zwischen den Fingern, schreiten wir am frühen Abend im Demo-Pulk zum Marktplatz, und ernten dabei erstaunte und auch einige missbilligenden Blicke von Passanten.

Das Publikum wird zum theatralen Mittelpunkt

«Remote Basel» bewegt sich zwischen Stadtrauminszenierung und dokumentarischem Theater, diesem massgeblich von der Gruppe Rimini Protokoll etablierten und immer wieder neu erfundenen und modifizierten Genre. Bevor der Schweizer Regisseur Kaegi das Stück für die Stadt Basel adapierte, hatten entsprechende Interventionen bereits in Lissabon, Berlin, Hannover, Avignon und zuletzt während des Zürcher Theaterspektakels stattgefunden. In dieser Stadtinszenierung werden wir selber zum wandelnden Ereignis und zum theatralischen Mittelpunkt. In der Sicherheit der Gruppe marschieren wir unter dem heroischen Soundgemisch von Nikolas Neecke wie Gladiatoren auf dem Schützenmatt Sportplatz ein. Julia, die Robotstimme, scheint uns interessiert zu beobachten und über unsere dank Tausenden von Evolutionsjahren erworbenen Fähigkeiten wie schnelle Anpassungsfähigkeit und individuelle Reaktionen zu staunen. Immer wieder stellt sie Fragen an die «Horde», wie sie uns nennt: «Wie bewegst du dich in der Gruppe? Fühlst du dich allein?» Und sie erinnert uns an unsere tiefliegenden Instinkte - dass, wer sich an den Rändern bewegt, Gefahr laufe, gefressen zu werden, wer sich aber in der Mitte des Schwarms aufhalte, zu verhungern drohe.

Wie fremdgesteuerte Avatare, den Kopf zwischen die Kopfhörer geklemmt, bewegen wir uns in freiwilliger Theaterkommunion vom Sportplatz ins Spielwarengeschäft und hinauf aufs Hochhausdach des Kantonsspitals. Bei Franz Carl Weber suchen wir für Julia ein für sie passendes Geschenk aus und drapieren uns auf der Treppe mit Spiegelwand zum Erinnerungsfoto. Ein Höhepunkt stellt der Moment dar, als wir uns beim Fischmarkt wie in einem Openair-Theater auf den Treppenstufen niederlassen. Da verwandeln wir uns zurück in ein konventionelles Publikum auf den Tribünenplätzen. Eine wunderbare Soundcollage beschwört den Konzertbeginn in einem Opernhaus herauf, und Julias Ausführungen in gekonntem Theaterjargon machen das Alltagsgeschehen zu unseren Füssen zum Erlebnis. Klar, dass wir nach dieser gelungenen Vorstellung – «einem Stück voller Melancholie», wie Julia anmerkt – kräftig applaudieren.

Das Auge weitet sich

Anschliessend geht es die Treppen nicht weit vom Totengässlein rauf, und die Zuschauerinnen und Zuschauer werden in die Peterskirche gelotst. Dort, im passenden christlich-religiösen Ambiente, transformiert sich Julia in Klaus, der von Anfang an klipp und klar macht, dass von nun an ein rauerer Umgangston herrsche – vorbei die Einfühlungsduselei in menschliche Besonderheiten (kein Wunder, dass laut Umfragen weibliche Stimmen bei GPS-Geräten bevorzugt werden). Die Horde splittet sich in Herden auf, in Mehrheit und Minderheit. Doch nicht nur der Same der Rivalität ist gesät; überhaupt verschärft sich der Ton ab hier. In den Gängen des Kantonspitals, vorbei an den Therapieräumen in der Abteilung der Nuklearmedizin, mahnt Klaus das «Memento Mori» an. Leider kippt damit auch der ansonsten ironisch leicht gehaltene Ton in oberlehrerhafte Gedankenschwere um. Erst als die Horde oben auf dem Dach, hoch über den Dächern Basels angekommen ist, darf das Herz wieder unbeschwert schlagen. Der Blick weitet sich, die Zuschauerin staunt über das naturalistische Wolkenschauspiel und zoomt sich mit geschärftem Auge einzelne Details heran. Eingehüllt in Theaternebel tanzt sich die Horde frei und fühlt sich richtig gut mit all den anderen zusammen. 


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