Mein HAU

By Stefan Kaegi

23.01.2020 /

Es gibt Theaterhäuser, da weiss man vorher, wie der Abend aussehen wird: Bühnenbild, Kostüme, geschminkte Schauspieler sprechen Texte von lebenden oder toten Autoren. Dazu mehr oder weniger Musik, bunteres oder schlichteres Licht. Gerne auch mal Videoprojektionen in verschiedenen Formaten. Am Schluss wird geklatscht, und danach wird der Abend 10 bis 30 mal wiederholt.
In jeder Stadt des deutschsprachigen Raumes steht mindestens eins dieser Häuser. Sie bekommen den Löwenanteil der Theatersubventionen. Darin sitzen oft kluge Dramaturgen, die gerne international koproduzieren, Bürger ihrer Stadt auf die Bühne einladen oder mit der freien Szene kooperieren würden – das aber nur können, wenn die Kulturstiftung des Bundes Sondertöpfe dafür erfindet – Sonst kümmern sie sich ums
Kerngeschäft: Ensemble und Publikum bei Laune halten. Betriebsbüro und Kunsthandwerksabteilungen nicht überfordern. Neue Formate schaffen nur Verwirrung.
Und dann gibt es das HAU. Hier hat Matthias Lilienthal den Traum eines zeitgenössischen Theaters erfunden. Hier können Aufführungen 6 Stunden dauern, kein Bühnenbild haben, in Autos, Gerichtsgebäuden oder Wohnwägen spielen. Hier kann auch mal ein ganzes Wochenende lang über den arabischen Frühling diskutiert werden. Hier experimentieren während der Berlinale junge Filmemacher aus allen Kontinenten, werden neue Wissenschaftsformate entwickelt. Bildende Künstler, die in den 90ern noch keinen Fuss in ein Theater gesetzt hätten, inszenieren hier Videowalks oder Chöre, diskutieren Theater auf Augenhöhe mit dem Pariser Palais de Tokyo und der Kasseler Documenta. An einem Wochenende
finden Aufführungen im Stundentakt statt, bis so ziemlich jeder Künstler der Stadt die Bühne einmal von oben gesehen hat. Am nächsten wird der Saal einen ganzen Monat gesperrt, bis auf der Hinterbühne des Hebbeltheaters ein vierstöckiges Bühnenbild steht, durch das Zuschauer in kleinen Gruppen taumeln, als wären sie die Hauptdarsteller in einem Film.
Im HAU gibt es erstmal kein Geld. Jedes Projekt muss ohnehin erst beantragt werden und seine Geldgeber finden. Dazu muss jedes Projekt erstmal wissen, warum es überhaupt auf die Bühne will, und ob. Wer da stehen soll. In welchem Rahmen und wie lange. Schauspieler werden projektspezifisch angesprochen, engagiert und involviert; wenn stattdessen ein ganzer Chor oder eine Schule, eine Familie oder IT-Programmierer gebraucht werden, ist das genau so möglich. Wenn statt des Theatersaales ein aufblasbares Zelt, ein Schiff oder ein Lastwagen zum Inhalt des Projekts passt, dann werden
diese nicht von Bühnenwerkstätten imitiert sondern gefunden.
Mein HAU?
Ich weiss noch, wie ich dank HAU mit Public Movement am Kotti auf eine 1. Mai Demo wie auf ein antikes Schlachtfeld schaute. Wie ich irgendwo auf dem Gleisdreieck in einer Umziehkabine stand, während eine iranischer Schauspielerin für mich durch eine Camera Obscura in meiner Tür performte. Wie ich im Computerraum der Oskar Petersen Schule in eine ganze Klasse voller fremdländischer Gesichter blinzelte, deren Blicke mich in die Position ihres Lehrers drängten. Wie ich in einem Hinterhof der Grossbeerenstrasse durch das Fenster einer Erdgeschosswohnung eine 3D-Sitcom aus Kolumbien beobachtete. Wie ich bei Marten Spangberg und Xavier Le Roy eine Taschenlampe bekam, um gemeinsam mit den anderen 200 Zuschauern im HAU2 eine Aufführung in kompletter Dunkelheit zu beleuchten. Wie
ich im WAU-Café Constanza Macras, Milo Rau, Dries Verhoeven, Chris Condek, Bruno Beltrão, Raumlabor, Cuqui Jerez, Harun Faroki, Alvis Hermanis und das ganze Ensemble von Nature Theatre of Oklahoma kennenlernte.
Wenn ich aus diesem HAU in irgendein Stadt- oder Staatstheater trete, dann muss ich mir immer erstmal kurz die Augen reiben. Es ist dann, als gehe ich ein halbes Jahrhundert zurück. In eine Zeit vor Joseph Beuys, der das Aktzeichnen als Kriterium für Aufnahmeprüfungen an Kunstschulen abschaffte. In eine Zeit vor Christoph Schlingensief, in der Kunst noch nicht notwendigerweise Politik war. In eine Zeit vor dem HAU.
Zum Trost denke ich dann an Matthias Lilienthal, wie er leicht unzufrieden und gleichzeitig gut gelaunt mitten in einem chaotischen Festivalabend sitzt und zuhört:
– "Matthias, können wir in deinem Spielplan eine Daimler AG - Hauptversammlung als Theater ankündigen? Das Düsseldorfer Schauspielhaus wollte das Projekt zwar über die Henkell AG machen, aber jetzt haben sie Henkell gefragt und die sind dagegen und sitzen im Verwaltungsrat des Theaters..."
– "Hm, dann lass uns die Scheisse halt machen."