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Kaserne Basel zeigt die Performance "Situation Rooms"

By Michael Baas

18.09.2015 / Badische Zeitung

www.badische-zeitung.de

 

"Was braucht man, um in den Krieg zu ziehen?", fragt der deutsche Fotograf Maurizio Gambarini. "Du musst mit der Waffe eins werden, um ein guter Schütze zu sein", erläutert der Sportschütze und Polizist Andreas Geikowski. "Waffen und größere Turbane sind Teil ihrer Kultur und machen sie noch nicht zu legitimen Tötungszielen", argumentiert Shahzad Akbar als Anwalt pakistanischer Drohnenopfer in einem Prozess in den USA. Das alles sind wahre Geschichten, Schnipsel der Realität. Das Berliner Autoren- und Regieteam Rimini Protokoll montiert sie in der Performance "Situation Rooms" mit Geschichten 16 weiterer Protagonisten aus Afrika, Asien und Europa, die alle in Rollen auftreten, die sie im Alltag haben oder hatten, zu einem multimedialen Parcours, der fast alles mit fast allem verwebt und kurzschließt. Die Kaserne Basel zeigt das 2013 zur besten deutsche Inszenierung gekürte "Multiplayer-Videostück", wie es das auf dokumentarische Formen spezialisierte Trio um Stefan Kaegi nennt, zum Saisonstart in der Dreispitzhalle im Basler Osten.

Ausgestattet mit Kopfhörer und einem an einem altmodischen Holzgriff befestigten iPad nimmt die Inszenierung die jeweils 20 Besucher und Besucherinnen pro Vorführung mit auf eine illustre Tour durch Kriege, Waffenproduktion und Rüstungsdeals, durch Biografien, die "von Waffen mitgeschrieben wurden", wie es im Programm heißt. Alle steigen "an der Hand" einer anderen Person ein in das von Dominic Huber labyrinthisch gestaltete Raumensemble; da ist der ehemalige Oberstleutnant der Bundeswehr, der die Übergabe deutscher Leopard-Kampfpanzer an Chile schildert; da ist der Chirurg, der für Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone unterwegs war und die grauenhaften Bilder nicht mehr los wird; da ist der Kindersoldat aus dem Kongo. Unterwegs aber kreuzen und schneiden sich die Wege immer wieder, werden passive Zuschauer zu Akteuren, die sich begrüßen, sich aus schutzsicheren Mänteln helfen, Panzermodelle verschieben, Teil des Spiels werden, die Szenerie für die anderen mitbeleben. Das stimuliert einen Rollentausch, einen Perspektivwechsel: Vermeintlich unbeteiligte Betrachter des täglichen Horrors werden so vorübergehend zu aktiven Mitläufern.

Eine Szene führt da an den Schießstand und eröffnet den Blick auf Albert Geikowskis Leidenschaft – bis hin zur nachgestellten Liegendschießhaltung; im nächsten Szenario schildert der Friedensaktivist Ulrich Pfaff der Welt der Waffenstadt Oberndorf am Neckar, wo Heckler und Koch sitzt; von da mündet der Parcours – angeleitet immer von den Bildern, Filmen, Texten und Symbolen auf den iPads, die alle wie einen Spiegel vor sich hertragen – ins Büro des pakistanischen Anwalts Shahzad Akbar; weitere Stationen sind das Büro eines französischen Spezialisten für Sicherheitstechnik oder eine Radiostation im Südsudan. Dort weist der Journalist Richard Khamis unter anderem darauf hin, dass der islamische, sprich antiwestliche, Norden den christlichen, also prowestlichen Süden im Bürgerkrieg mit in Lizenz hergestellten deutschen G-3-Gewehren bekämpfte. Gut und Böse, Richtig und Falsch sind also gar nicht so einfach zu identifizieren.

Das aber ist nur eine weitere der vielen Facetten, die dieses moderne Kriegs- und Gewalttheater beleuchtet. Da ist auch die beklemmend beschriebene Atmosphäre in Oberndorf; da entstehen bizarre Kontraste, wenn der US-amerikanische Computerspezialist aus der familiären Idylle aufbricht, um am PC per Joystick in Pakistan mit einer Drohne (vermeintliche) Terroristen zu töten. Da gibt’s den dpa-Fotografen Maurizio Gardini, der auf Reportagetour durch das Bühnenlabyrinth führt, Leitern hochklettern lässt, nüchtern, fast emotionslos den Alltag als Kriegsberichterstatter schildert und statt des amerikanischen Soldaten, der ihm das Leben rettete, lieber die Leiche des im Staub liegenden Angreifers fotografiert ...

Die Performance, deren Titel "Situation Rooms" anspielt auf einen medial aufgerüsteten Echtzeit-Konferenzraum am Sitz des US-amerikanischen Präsidenten, im Weißen Haus, verknüpft so verschiedenste Dimensionen und Handlungsebenen. Einerseits hinterfragt sie Bilder, die Kriege erzeugen; andererseits montiert sie diese auch in ein Setting, in dem sich Ebenen überlagern, Krieg und Gewalt als fast allgegenwärtige Phänomene erscheinen. Das macht fassbarer, was sonst oft abstrakt bleibt. Es braucht gewisse Zeit, diese Erzähl- und Ablauffäden zu durchschauen. Doch irgendwann packt es einen, treffender lässt sich die komplexe, vielschichtige Wirklichkeit kaum einfangen. Tatsächlich soll es Besucher geben, die schon vier, fünf Mal in der pro Durchlauf auf je zehn Geschichten begrenzten Performance waren.

 

Dreispitzhalle: Basel/Münchenstein
Helsinki-Str. 5; Aufführungen: heute, 17, 19, 21 Uhr, Sa/So, 19. und 20. September, 14, 16, 18 und 20 Uhr; 21. bis 25. September, 8.45, 10.45, 17, 19, 21 Uhr sowie 26. und 27. September, 14, 16, 18 und 20 Uhr;
Reservierung: http://www.kaserne-basel.ch
und  0041/61666600


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