Indien am Ohr

Telefontheater: «Call Cutta in a Box»

By Tobias Hoffmann

03.04.2008 / Neue Zürcher Zeitung

Man hat keine Zeit, sich das Zimmer anzusehen, denn das Telefon klingelt schon, wenn man auf die Türe zugeht. Und dann ist da diese Stimme aus dem fernen Indien, die sich mit einem kaum zu merkenden Namen vorstellt und fünfzig Minuten lang nicht lockerlässt. Man hat sich darauf eingelassen, sich von einem (realen) Call-Center-Angestellten aus Kalkutta umgarnen zu lassen, der einem nichts verkaufen will, sondern eine Art Bewerbungsgespräch mit einem führt. Man hat Grund, ein bisschen nervös zu sein, denn am andern Ende der Verbindung sitzt ganz offensichtlich ein Profi. Und ein echter Inder. Der Akzent ist unverkennbar und erschwert manchmal das Verständnis. Die Stimme stellt Fragen, die irgendwie ins Spirituelle zu führen scheinen. Sie schmeichelt dir ob deiner Antworten. Und ohne nachvollziehbaren Grund, als spielte man ein Computerspiel, das sich verselbständigt, kündigt sie ein höheres «Level» an. Das Indien in unserem Kopf ist ein Land der Erleuchtung. Die Stimme in unserem Ohr könnte eine Führerin in dieses Land sein. Sie redet von Glück und klingt auch nach Glück. Obwohl wir am Schluss erfahren, in welch enger und öder Büronische unser fernes Gegenüber seiner Arbeit nachgeht.

Das Regiekollektiv Rimini Protokoll bezeichnet sein vom Schauspielhaus Zürich koproduziertes Projekt «Call Cutta in a Box» als «interkontinentales Telefontheaterstück». Das Gespräch folgt in der Tat einem Skript. Der privilegierte Mitspieler-Besucher allerdings ist ohne Publikum und in seinem mausgrauen Einzelbüro – es befindet sich im Ringier-Pressehaus – mit dem Indien am Ohr und in seinem Kopf allein. Das setzt ihn – verstärkt wird das von ein paar Gadgets und einem Videofinale am Computer – vielen kleinen Verschiebungen und Irritationen in der Wahrnehmung des Mythen- und Märchenlandes Indien, aber auch dieses unscheinbaren Schweizer Büros aus. Unser widersprüchliches Leben zwischen Fremdheit und Nähe, Technik und Tradition, Spiritualität und Kommerz wird durch die Spielanlage zu einem leicht surrealen Erlebnis gebündelt. Was authentische Begegnung, was professionelle Routine, was inszenierte Kommunikation, was spontanes Reagieren ist, bleibt ein Geheimnis. Und vielleicht ist gerade das kein Theater mehr, sondern einfach – Leben.

Zürich, Pressehaus Ringier (Dufourstr. 23); bis 30. April jeweils Dienstag bis Sonntag (ausser 18. April) 14 bis 19 Uhr zu jeder vollen Stunde. Karten sind ausschliesslich im Vorverkauf erhältlich (Tel. 044 258 77 77).


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Call Cutta in a Box