In der Modelleisenbahn durch die Schweiz

Theater Basel

By Stephan Reuter

27.04.2005 / Badische Zeitung

Ein Zug kurvt durch gespenstisches Gehölz und an einem Voralpenmassiv aus Speckstreifen vorbei.

 

Die Schweiz ist eine Scheibe. Ordentlich bevölkert ist sie, vornehmlich von hoch gezüchteten Kühen, nicht minder hoch subventionierten Milchbauern, von Trachtenträgern, Schrebergärtnern, von Zierfischen und einer Henne, die vor Publikum lieber doch kein Ei legt. Bebaut und bewaldet ist das Land eher unauffällig, dafür fein säuberlich geteert, gemäht und untertunnelt. Sie ist eine künstliche Welt, diese Schweiz. Sie wurde erschaffen von vier Modelleisenbahnern, eingerichtet im Foyer des Basler Theaters und belebt nach einem Konzept von Stefan Kaegi, dem neuen Regie-Darling der freien Szene.

 

"Mnemopark" - also "Gedächtnispark" - hat Kaegi seinen ländlichen Modellversuch übertitelt. Das ist nicht zu viel versprochen. Erinnerung und Erfindung, Erlebtes und Erträumtes, das Natürliche und das Naturidentische gehen: auf dem Schienen-Rundkurs nahtlos ineinander über. Sobald die Lok los surrt, setzen sich auch die Bilder auf der Leinwand im Bühnenhintergrund in Bewegung. Plötzlich wirkt die Spielzeugwelt lebensgroß. Und echt gefälscht wie im Bollywood-Kino. Eine Mini-Cam filmt die Lokführerperspektive, ein Dolly Grip fährt seitlich neben dem Modell her und ahmt den Blick aus dem Zugfenster nach, eine Handkamera verrät das "Making Of" in dieser wundersamen Studiokulisse aus Pressspan und Pappmache. Der Musiker und Sounddesigner Niki Neecke, ein gebürtiger Freiburger, lässt das Fahrwerk quietschen. Die Filmemacherin Jeanne Rüfenacht mischt die Sequenzen live zusammen.

 

Der Zug kurvt durch gespenstisches Gehölz, quert Hühnerkäfig und Aquarium. Die Station Andermatt liegt gleich hinterm Fleischberg, einem mit Schnitzeln und Speckstreifen belegten Voralpenmassiv, aus dem auf Knopfdruck eine Quelle plätschert. Füllmenge: zweieinhalb Schnapsgläser Milch - der Schweizer Milchsee, umgerechnet auf den Modellmaßstab I :87. Nächster Halt ist Bannwil bei Langenthai, Heimat der Schauspielerin Rahel Hubacher. Eines jener Dörfer, wo jedes Jahr mehr Bauern aufgeben, wo Ställe zu Lkw-Garagen, Pflugscharen zu Baggerschaufeln werden. Früher, sagt Rahel Hubacher, konnte sie Erdbeeren pflücken, melken und Säuen die Totgeburt aus dem Leib ziehen. Und heute? "Heute kann ich das nur noch darstellen." Der Siegeszug der Simulation, legt Stefan Kaegi nahe, er droht den Modellfall Schweiz zu überrollen. Der Autor und Regisseur, geboren 1972 in Solothurn, hat mittlerweile Übung darin, die Bewusstseinsschwelle zwischen Realität und Fiktion zu verschieben. Unter dem Bühnenlabel "Rimini-Protokoll" erregte Kaegi viel Aufsehen, zuletzt mit dem Berliner Mobiltelefon-Theater "Call Cutta", einem inszenierten Stadtrundgang, dirigiert von einem 15000 Kilometer entfernten indischen Call-Center.

Was den Basler "Mnemopark" so charmant und so erfrischend macht, das ist das pikareske Potenzial, das Kaegi aus den Modulbauern herausgekitzelt hat. Heidy Ludewig, Max Kurrus, Hermann Löhle und Rene Mühlethaler besuchen sich wortwörtlich selbst in ihren HO-Ersatzwelten - mit Hilfe von Blue Screen und Überblendungstechnik. Und das Schönste daran: Der Regisseur führt die Biografien seiner Laiendarsteller nicht vor. Er nimmt sie ernst, wie sie sind. Die vier großen Kinder danken es ihm mit einem gesunden Schuss Selbstironie. Da behaupte noch einer, das Theater hätte seine Möglichkeiten ausgereizt.

 



 

 


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