Ich muss töten, damit ich nicht getötet werde

By Dominique Spirgi

17.09.2015 / Tagewoche

www.tagewoche.ch

 


Dieses Projekt geht unter die Haut: Auf höchst packende und anschauliche Art lässt Rimini Protokoll mit «Situation Rooms» das Publikum den brutalen und zynischen Kreislauf des internationalen Waffenhandels nacherleben. Von Dominique Spirgi

 


Mit einem iPad in der Hand und Kopfhörern sitzt man auf einem Bordstein in einem Hinterhof irgendwo im Kongo. Man hat die Position eines elfjährigen Jungen eingenommen, der schon lange nicht mehr Kind ist. Seit er neun ist, kämpft er als Kindersoldat mit einem Kalaschnikow-Sturmgewehr ums Überleben und mäht seine Gegner nieder. «Ich muss töten, damit ich nicht getötet werde», sagt er.

Wenige Zeit später findet man sich am Arbeitsplatz des Schweizer Waffenmechanikers wieder, der seit 40 Jahren stoisch seiner Arbeit nachgeht und seiner Ehefrau abends bei Fernsehnachrichten erklärt, wie die Waffen, die zu sehen sind, genau funktionieren. Zuvor hat man erfahren, wie ein Arzt von Ärzte ohne Grenzen die grausamen Verletzungen, welche die Kindersoldaten ihren Opfern zufügen, behandelt, und man lag als schwerverletzter syrischer Flüchtling in einem stickig-heissen Lazarett auf der Bahre.

 

Stationenweg der Waffengewalt

Das sind einige Beispiele, die man als aktiver Zuschauer auf dem Stationenweg der Waffengewalt erlebt, den das Berliner Dokumentartheatertrio von Rimini Protokoll geschaffen hat. «Situation Rooms» heisst das Projekt; es ist ein theatrales Meisterwerk, das angesichts des aktuellen Flüchtlingsdramas, das nach Europa überschwappt, absolut auf der Höhe der Zeit angesiedelt ist.

«Situation Rooms» zeigt die Kaserne Basel als Gastspiel in der Aussenstation Dreispitzhalle. Der Schweizer Bühnenbildner Dominic Huber hat als Ausstattung eine faszinierende Kunstwelt mit zwanzig akribisch nachgebauten Räumen geschaffen – Büros, ein Konferenzraum, eine Werkstatt, Häuser aus Kriegsgebieten, ein Lazarett, ein Schiesstand, eine Flüchtlingsunterkunft und mehr.

 

Beklemmende Ausgewogenheit

Es sind die Schauplätze des globalen Kreislaufs der Waffengewalt, durch die man sich bewegt oder besser bewegt wird. Es ist ein ausgewogenes Bild, alle kommen zur Sprache: Der Waffenproduzent, der Händler, die Soldaten, die Opfer, die Notfhelfer und die Friedensaktivisten. Aber gerade diese Ausgewogenheit ist das Beklemmende des Abends, an dem man erfährt, wie nahe Profitdenken, Zynismus, Brutalität, Elend und Verzweiflung liegen.

Beklemmend ist es auch deswegen, weil man als Teilnehmer am Parcours nicht einfach passiver Zuschauer bleibt, sondern wie aktive Beobachter quasi in die Körper der Protagonisten schlüpft, die einem im «Multiplayer-Videostück» präsentiert werden. Es sind allesamt Originalfiguren, die der Filmemacher Chris Kondek auf Video gebannt hat.

 

Ein Abend mit Nachhall

Es ist ein Theaterabend, der vom Publikum, wenn man es denn noch so bezeichnen kann, höchste Konzentration einfordert. So muss man den Anweisungen, die einem über das mitgeführte iPad übermittelt werden, genau Folge leisten, um nicht auf Abwege zu kommen. Stetig prasseln zum Teil ungeheuerliche Aussagen der Protagonisten auf einen ein, und man wird hin- und hergerüttelt zwischen der gefilmten Umgebung auf dem Video und der entsprechenden physischen Umgebung, durch die man sich tatsächlich bewegt.

Der rund 80 Minuten dauernde Parcours lässt einem auch keine Verschnaufpause, in der man das Gesehene und Gehörte irgendwie verarbeiten kann. Der Nachhall folgt danach, wenn man den Stationenweg wieder verlassen hat. Und der kommt ganz bestimmt, denn so schnell verblasst das Erlebte nicht.


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«Situation Rooms» von Rimini Protokoll. Eine Gastspielveranstaltung der Kaserne Basel in der Dreispitzhalle. Jeweils mehrere Vorstellungen täglich, vom 16. bis 27. September 2015.


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