Materialbox

Vùng Biên Giói

von Rimini Protokoll

Home

previous
deczvn

Seite empfehlen

Eine tschechische Täuschung

Von Zdenko Pavelka

 

Zu der Zeit als Rimini Protokoll die Inszenierung VUNG BIEN GIOI in Prag aufführte, bahnte sich in Tschechien eine kleine, literarische Affäre an. Ich gehöre nicht nur zu den Zeugen dieser Affäre, sondern habe auch eine gewisse Rolle darin gespielt. Als Beteiligter weiß ich also viel darüber, kann aber zugleich kein objektiver Erzähler sein. Mein Blick ist ganz und gar persönlich.

Was geschah: 

2009 wurde der neunzehnjährigen, in Tschechien geborenen und lebenden Lan Pham Thi für ihre Prosa Bílej kůn, žlutej drak  (deutsch: Weißes Pferd, gelber Drache) der Literaturpreis des Buchklubs verliehen. Ihr Kurzroman versetzte viele Rezensenten in helle Begeisterung und Überlegungen zu einer neuen Ära der tschechischen Literatur durften nicht fehlen. In den folgenden drei Monaten stellte sich jedoch heraus, dass der wirkliche Autor des Buches Jan Cempírek heißt. Der vierzigjährige Tscheche ist Autor von zwei Prosabänden, die weder bei den Rezensenten noch bei den Lesern auf besondere Resonanz gestoßen waren. Dafür erschien nach der Enthüllung seiner Autorschaft sein Name sogar auf den Titelseiten der Tageszeitungen- und Jan Cempírek ist damit neben Milan Kundera einer der wenigen tschechischen Schriftsteller, denen so etwas je gelungen ist.

 

© privat

Die unsichtbare Autorin

Der Buchklub ist – ebenso wie die Marken Odeon, Ikar und Universum – Teil der Gesellschaft Euromedia Group, einer Tochtergesellschaft der Bertelsmann AG. Er bringt jährlich etwa 400 neue Titel auf den Markt und ist damit unter den tschechischen Verlagen konkurrenzlos. Der Literaturpreis des Buchklubs wird seit 1995 ausgelobt. Als anonymer Wettbewerb von Prosa-Manuskripten konzipiert, ist er bis heute einzigartig unter den tschechischen Literaturpreisen. Eine fünfköpfige Jury entscheidet über die Manuskripte ohne deren Autoren zu kennen; und neben einem Scheck – über bisher 50.000 Kronen, seit diesem Jahr 100.000 Kronen, also fast 2.000 bzw. 4.000 Euro – ist auch die Herausgabe des Buches Teil der Ehrung. Kein anderer tschechischer Literaturpreis unterstützt derzeit die literarische Produktion in dem Maße, alle anderen Preise ehren die Autoren bereits erschienener Bücher. Die Verleihung des Literaturpreises des Buchklubs ist mit der Zeit zu einem bedeutenden Ereignis geworden, das von den Medien mit gehöriger Aufmerksamkeit verfolgt wird.

Als der Preis Ende August 2009 zum vierzehnten Mal vergeben wurde und sich zeigte, dass die Autorin eine schöne, neunzehnjährige Vietnamesin ist, die in Tschechien geboren ist, tschechische Schulen besucht hat und derzeit in Malaisia studiert, waren Journalisten und Rezensenten voller Lob. Die Preisverleihung hatte nur ein kleines Manko: Die Autorin kam nicht, sie schickte nur ein Video mit einer Grußbotschaft aus Kuala Lumpur. Und wie sich dann herausstellte, hatte sie noch nie jemand getroffen, weder Journalisten noch Verlagsvertreter. Der gesamte Kontakt war über Email abgewickelt worden.

Ein gutes oder ein schlechtes Buch?

Eine begeisterte Rezensentin feierte Bilej kůn, žlutej drak als Beweis für den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit in Tschechien. Da ich solche oberflächlichen, national selbstkasteienden Anschuldigungen nicht teile, las ich das Buch erst daraufhin- und wurde gleich dreimal davon überrascht. Erstens hatte ich ein aus meiner Sicht literarisch sehr schwaches Manuskript vor mir, das mit Klischees und Anspielungen an minderwertige und mittelmäßige Werke gespickt war. Zweitens waren gerade die den angeblichen Rassismus betreffenden Passagen in geradezu grotesker Weise überexponiert, sie entsprachen nicht der Realität. Und dafür, dass es sich um ein authentisches Bekenntnis handeln sollte, enthielt der Text auch Ungereimtheiten, die mit dem angeblichen Alter und den Erfahrungen der Autorin nicht vereinbar waren.

Ich veröffentlichte eine Kolumne in der Literaturbeilage der Tageszeitung Právo, in der ich die Autorschaft der Vietnamesin anzweifelte und die Annahme aussprach, dass es sich beim wirklichen Autor des Textes um einen älteren Tschechen handeln könnte. Wahrscheinlich um irgendeinen wenig erfolgreichen Schriftsteller, der – nach dem Text zu urteilen – auch über eine gewisse Medienerfahrungen verfügt. Ich erwartete, dass eine solche Verdächtigung das Interesse der Kollegen wecken würde, und dass sich auch der Verlag melden würde. Aber nichts geschah. Im Rückblick erkläre ich mir das Desinteresse der Medien so, dass die Mehrzahl der literarischen Publizisten das Buch inzwischen gelobt und viele von ihnen ein Gespräch mit der hübschen Autorin veröffentlicht hatten. Sie stellten sich also lieber tot. (Auch der Schrifsteller Jaroslav Rudiš berichtete im Herbst 2009 in seinem Artikel für das Programmheft von VUNG BIEN GIOI über die Schriftstellerin Lan Pham Thi.) 

Die Enthüllung der Autorschaft

Der Verlag reagierte nur auf Aufforderung. Im Gespräch mit Právoäußerte sich der Lektor des Buches und Koordinator des Literaturpreises des Buchklubs in einer Person, der zwar die technische Möglichkeit einer Täuschung zugab, aber auf die Identität der Autorin bestand. Durch seine Vermittlung erhielt ich jedoch eine Email von der angeblichen Autorin, die mich in ihrem Ton, ihrer Wortwahl, und vor allem in ihrem Stil in meiner Überzeugung bestätigte, dass es sich um ein Spiel handeln musste. Zugleich wurde aus dieser Mail deutlich, dass der wahre Autor das Spiel fortsetzen würde.

Zu seiner Enthüllung verhalfen mir einige Zufälle. Der erste war, dass ein anderer Autor, der – wie sich später zeigte – um die wahre Identität Lan Pham This wusste, ebenfalls mit einem Manuskript am Wettbewerb beteiligt war. Er verschaffte mir, anscheinend aus Versehen, den schriftlichen Beweis. An seine Einladungsmail zu einer Lesung war ein privater Briefwechsel mit Jan Cempírek angehängt- dem wahren Autor. Aus dem Dialog der beiden war ersichtlich, dass Cempírek entweder selbst der wahre Autor war, oder dass er in irgendeiner Form an der gezielten Irreführung beteiligt war. 

Als herauskam, dass es sich bei Lan Pham Thi von Anfang an um eine fiktionale Person handelte, bezog ein Teil der Publizisten – diejenigen, die das Buch und die Autorin bereits zuvor gelobt hatten – und ein Teil der Jurymitglieder den Standpunkt, dass die Autorschaft unerheblich sei und das Buch den Preis auch bekommen hätte, wenn der Autor sein Manuskript als Jan Cempírek eingereicht hätte. Die Übrigen hatten etwas zu lachen. Die Verteidiger der Qualitäten des Buches enttäuschte aber Jan Cempírek selbst, als er sich zu seiner Autorschaft bekannte und in einem Gespräch offen sagte: »Es handelt sich um ein schematisches Werk, das eine schwarz-weiße Weltsicht enthält. Kurz gesagt, es ist ein Buch, das beschreibt, was sich der »gewöhnliche Tscheche« wohl so denkt, was die Vietnamesen in Tschechien denken.« Ihn habe der Ausspruch eines tschechischen Verlegers inspiriert, der zwei Jahre zuvor gesagt hatte, dass man ein Ethno-Mädel brauche. Eine Autorin also, die ein Buch auf Tschechisch schreibt, aber keine Tschechin ist- sie müsse einer Minderheit mit Migrationshintergrund entstammen.

 

Identität der Autorin konsequent aufgebaut

Dieses Spiel mit einer anderen Identität hat ein Vorbild. Der französische Autor Boris Vian veröffentlichte 1946 unter dem Pseudonym des angeblich schwarzen Schriftstellers Vernon Sullivan den Roman Ich werde auf eure Gräber spucken. Das Buch hatte Erfolg, aber Vian wurde wegen Beleidigung der öffentlichen Moral angeklagt. Die Werke, die Vian unter seinem eigenen Namen verfasste, fanden erst nach dem Tod des Autors Anerkennung, aber Vian veröffentlichte als Vernon Sullivan noch weitere Bücher, die ihn finanziell absicherten. 

Cempírek versuchte sein Glück in einem literarischen Wettbewerb und der Erfolg, den er als Vietnamesin hatte, kam für ihn selbst unerwartet. Er entschied sich jedoch, das Spiel fortzusetzen und baute die Identität der Autorin bis in solche Einzelheiten konsequent auf, dass er mit Hilfe eines Freundes, der nach Malaisia fuhr, aus Kuala Lumpur einen Brief mit Schriftstücken an den Buchklub schickte. Und ging, wie er später in einem Rundfunkinterview sagte, davon aus, dass er noch weitere Bücher unter dem Pseudonym Lan Pham Thi schreiben würde.

Aber nach der Enthüllung widerstand er den Versuchungen, die sich boten. Er führte mehrere erklärende Gespräche, lehnte es aber ab, auf der Welle medialen Interesses zu reiten- und erklärte nur sachlich seine Beweggründe und die Art und Weise, wie er die Täuschung bewerkstelligt hatte. Kommentarlos machte er mit der Tatsache seinen Frieden, dass der Verlag, für den er als neunzehnjährige Vietnamesin ein respektierter und medial ergiebiger Autor gewesen war, mit ihm als vierzigjährigen Tschechen Jan Cempírek die Kommunikation abbrach. Auf der Website des Literaturpreises des Buchklubs fehlt der Preisträger des letzten Jahres; das Buch ist im Katalog lakonisch als »nicht lieferbar« verzeichnet.

Etwas Wichtiges hatte Jan Cempírek jedoch schon sehr viel früher getan. Den Preis von 50.000 Kronen, den er als Lan Pham Thi gewonnen hat, spendete er sofort nach Erhalt für ein neues tschechisch-vietnamesisches Wörterbuch. Das Preisgeld hat er zu einem Zeitpunkt überwiesen, als er noch nicht ahnen konnte, dass er sich zu seiner Autorschaft an dem Buch würde bekennen müssen. Diese Spende wog später schwer gegenüber Meinungen von Kritikern, die Cempírek für seine Täuschung verurteilen wollten und ihn einen Betrüger nannten. Cempírek hat damit gleichzeitig bewiesen, dass ihn das Leben der Vietnamesen in Tschechien interessiert, und dass er in der Lage ist, wirklich etwas für die tschechisch-vietnamesische Kommunikation und für das Zusammenleben der Minderheit mit der Mehrheit zu tun.

Cempíreks gelungene Täuschung hat die Schwächen eines großen Teils der gegenwärtigen, literarischen Publizistik in Tschechien aufgedeckt. Diese ist der um sich greifenden Boulevardisierung der Medien unterlegen und lässt sich von außerkünstlerischen Kriterien beeinflussen- in diesem Fall von der Zuerkennung eines Preises. Ihr fehlt die kritische Distanz. Die Causa zeigt, warum die Leser Rezensionen nicht besonders ernst nehmen und sich lieber auf ihre eigene Meinung verlassen. Die Reaktionen in den Blogs und Nachrichtenportalen auf die Enthüllung zeugen aber auch von einer teilweise sehr undifferenzierten Verachtung der Literaturkritik. Interessanter waren da schon Beiträge von Lesern, die ihre Meinung zum Buch selbst und zum Zusammenleben von Tschechen und Vietnamesen vertraten. 

Und dass sich das Buch innerhalb von drei Monaten 7000 Mal verkauft haben soll, zeigt, dass sich die Tschechen für »ihre« Vietanamesen interessieren. Das Interesse der Leser bedeutet nicht nur einen kommerziellen Erfolg für das Buches Bílej kůn, žlutej drak, sondern zeichnet zusammen mit dem späteren Echo auf die Enthüllung ein viel positiveres Bild der zeitgenössischen tschechischen Gesellschaft, als es einige oberflächliche Urteile gewisser Journalisten hinsichtlich der tschechischen Fremdenfeindlichkeit behaupten. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind nicht bezeichnend für die tschechische Gesellschaft, sondern sie sind ein Phänomen, das mit der Situation in anderen europäischen Ländern, inklusive Deutschland, vergleichbar ist. Anfang 2010 erschien unter dem Titel Inventur der Werte die Auswertung einer groß angelegten soziologischen Umfrage der Fakultät für Sozialwissenschaften der Karlsuniversität Prag. Darin heißt es abschließend: »Die Mehrzahl der Einwohner dieses Landes neigt eher dem Pol der Offenheit, der Uneigennützigkeit, dem Entgegenkommen Fremden gegenüber zu«.

Mit den Augen der Vietnamesen

Wesentlich ist aber auch die Perspektive der Vietnamesen. Ihre Communities sind weder in Tschechien noch Deutschland besonders offen, von einer großartigen Verschmelzung der Kulturen kann bisher nicht die Rede sein. Andererseits bestehen aber auch keine größeren Konflikte zwischen den Vietnamesen und der tschechischen Mehrheit. Und die so genannte zweite Generation der Vietnamesen, die in Tschechien aufwächst, wird ganz natürlich Teil der tschechischen Gesellschaft. Daher lasse ich zum Schluss meines Berichts über die literarische Täuschung zwei Menschen zu Wort kommen, die das tschechische und das vietnamesische Milieu gut kennen. 

Eva Pechová ist Vorsitzende des Vereins Klub Hanoi, der 2004 von damaligen Studenten der Vietnamistik in Prag gegründet wurde, um die vietnamesische Kultur bekannter zu machen und um die Integration der Vietnamesen in die tschechische Gesellschaft zu fördern. Sie findet Cempíreks Irreführung wunderbar und ihr gefällt die Geschichte, die sich um das Buch rankt, besser als die Geschichte, die das Buch erzählt. Auf die Frage, welche Resonanz die Täuschung ihrer Meinung nach in der vietnamesischen Community hatte, antwortet sie: »Es gab unterschiedliche Reaktionen: keine, freundliche und wütende. Eine Freundin befürchtete, dass die tschechischen Leser denken würden, die Vietnamesen hätten einen Schriftsteller gekauft, um sich sichtbar zu machen, aber das ist eher eine Randmeinung. Die Mehrheit der Vietnamesen und Vietnamesinnen, die ich kenne, hat die Sache zunächst mit leichtem Stolz und dann mit wachsender Neugier verfolgt.«

Und ob sie etwas von einem wirklich vietnamesischen Autor bzw. einer Autorin wisse? »Wir haben im Klub Hanoi einmal einen Wettbewerb für die beste literarische Erzählung veranstaltet. Es haben sich aber nur zwei sehr junge Autorinnen gemeldet. Bei einem Karaoke- oder einem Schönheitswettbewerb wäre das Interesse vielleicht größer gewesen. Die eingeschickten Geschichten waren nicht schlecht, vielleicht schreiben die Autorinnen ja weiter und es wird eine neue Lan geben… Derzeit kenne ich niemanden, der sichtbar Talent hat und sich dem Schreiben widmet.«

Hien Tran Thu ist zwar in Vietnam geboren, aber in Tschechien aufgewachsen. Sie studiert heute im dritten Studienjahr an der Ökonomischen Hochschule in Prag und widmet dem Zusammenleben von Vietnamesen und Tschechen viel Zeit. Sie arbeitet auch mit gemeinnützigen Organisationen zusammen, die sich um die Integration von Ausländern bemühen. Danach gefragt, was für ein Echo das Buch und die Enthüllung von Cempíreks Autorschaft bei den tschechischen Vietnamesen hatte, antwortet sie: »Das Buch hat eher in der intellektuellen Schicht eine Resonanz gehabt, einige Artikel wurden für vietnamesische Wochenzeitungen übersetzt. Nach der Enthüllung wurde das Buch auch bei den einfachen Leuten bekannt, etwa so, dass wenn jemand sagt, etwas ist wie Bílý kůn, žlutý drak, dass das dann bedeutet, es ist wie ein guter, ironischer Witz.«

Ob sie denke, dass es bald einen echten vietnamesischen Autor oder eine Autorin geben wird? »Manche Autoren könnte das motivieren, aber es könnte sie auch abstoßen. Wenn sie mit ihrem wahren Namen unterschreiben, würde ihnen wohl kaum jemand glauben, dass sie wirklich die Autoren ihrer Texte sind.«

15.3.2010

© Übersetzung aus dem Tschechischen von Kathrin Janka.

Zdenko Pavelka

Wurde im Jahre 1954 geboren, studierte tschechische Sprache und Bürgerkunde in der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität in Prag. Vor dem Jahre 1989 arbeitete er in der Kulturrubrik der Tageszeitung »Rudé právo«, danach in der kulturpolitischen Wochenzeitschrift »Tvorba« (wurde bis 1991 publiziert). Danach war er Chefredakteur der Monatshefte »Premiéra« und »Video revue«. Im Jahre 1996 konzipierte er für die Tageszeitung »Právo« die literarische Beilage »Salon«, die er bis zum Jahre 2009 leitete. Heute freier Publizist und Bucheditor für einige tschechische Verlage.

Dieses Werk bzw. dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.