Site Specific auf Teherans Straßen

Fadjr International Theatre Festival Iran – Hinfahren oder protestierend wegbleiben? Jörg Karrenbauer von Rimini Protokoll war mit "Remote X" beim Festival

By Jörg Karrenbauer

25.01.2018 /

 Wenn man das Programm des Fadjr International Theatre Festivals in Teheran online anschauen will, erfährt man auf den ersten Blick nicht viel mehr, als dass es die 36. Ausgabe ist und vom 18. bis 29. Januar stattfindet. Es gibt keinen Programm-Reiter, den man anklicken könnte. Stattdessen taucht irgendwo das Wort Schedule auf, und dann lassen sich zwei pdf-Dateien runterladen, die den Programmüberblick der Berlinale im Vergleich nahezu übersichtlich erscheinen lassen. Unmöglich, die genaue Zahl der Vorstellungen und Veranstaltungen zu ermitteln. Es sind viele. Sehr viele. Es ist das größte Theaterfestival in Iran. Irgendwo steht, es sei sogar das größte im Mittleren Osten.
Genau genommen besteht das Fadjr Festival sogar aus drei Teilen. Es beginnt mit dem Theater, dann folgt das Fadjr International Music Festival und es endet mit dem Fadjr International Film Festival. 1983 wurde es zur Feier der Islamischen Revolution unter Ruhollah Chomeini, der bei uns bis zu seinem Tod 1989 als Ajatollah Khomeini durch die Nachrichten geisterte, gegründet. Die zehn Tage seiner Rückkehr aus dem Exil in Frankreich, ab dem 1. Februar 1979, nennt man Fadjr, was wörtlich übersetzt Morgenröte bedeutet.

Unvorhersehbarkeit der Stadt
Um Gottes willen, denke ich, als im September letzten Jahres die Anfrage ins Rimini Protokoll-Postfach flattert, beim Fadjr Festival unsere Produktion "Remote X" zu zeigen. Stefan Kaegi hat diesen Audiowalk 2013 für Berlin entwickelt und seitdem haben wir ihn in knapp 40 Städten weltweit adaptiert. Dabei wird eine Gruppe von 50 Menschen mit Kopfhörern von einer künstlichen Stimme durch die Stadt navigiert, während immer deutlicher wird, wie vorhersagbar menschliches Verhalten ist und sein muss, damit all die smarten Tools und Devices uns in unserem Alltag begleiten und unterstützen können.
Um Gottes willen, denke ich also, Vorhersagbarkeit in einer Stadt wie Teheran, in der alle Verkehrsteilnehmer scheinbar einer unbekannten inneren Stimme, aber keinesfalls einem erkennbaren Regelwerk folgen. Erkennbar ist zunächst nur eins: Gefahren wird, wo Platz ist. Motorräder fahren auf dem Bürgersteig, Autos auf der Gegenfahrbahn, alle entgegen der Einbahnstraße und Ampeln sind meist nicht mehr als eine Option. Sich im Zentrum Teherans als Fußgänger zu bewegen, verursacht nicht nur Halsschmerzen aufgrund der Abgase, sondern schärft die Sinne innerhalb kürzester Zeit. Man versteht sofort, warum den Teheranern nichts entgeht; schon gar nicht eine Horde von 50 Menschen mit Kopfhörern.

Hinfahren oder wegbleiben?
Und dann denke ich noch mal um Gottes willen, will man da wirklich hin, zu einem staatlich organisierten Festival, das zu Ehren eines der unerträglichsten Regime der Welt stattfindet, in dem (zumindest bis vor einigen Jahren noch) minderjährige Mädchen als Ehebrecherinnen gesteinigt wurden, nachdem sie vergewaltigt worden waren? Mein Vertrauen in dieses Gastspiel wird auch nicht gerade größer, als Ende Dezember im ganzen Land Proteste ausbrechen und auch Studenten der Teheraner Universität auf die Straße gehen.
Mit Stefan habe ich die Frage nach Gastspielreisen in überaus undemokratische Länder schon öfter diskutiert. Was machen wir zum Beispiel mit Einladungen aus China, Russland oder den Arabischen Emiraten? Fährt man da nicht hin, weil die Regime in vielen Belangen offensichtlich menschenverachtend sind? Einige Regisseure und Kollektive tun es und sagen ab. Wir haben uns entschieden teilzunehmen, weil uns die Begegnung mit Menschen wichtiger ist als die Geste der Sanktion eines politischen Regimes.
Wieder schnell ins Internet geschaut und einen Artikel zum Thema auf nachtkritik.de gefunden. Zum Fadjr Festival vor 10 Jahren berichtet Claudius Lünstedt unter dem Titel "Zwischen Mahnern und Mullahs – Dürfen Theater aus demokratischen Staaten in Diktaturen gastieren?" vom Aufschrei des Berliner Tagesspiegels ob eines Gastspiels des Berliner Ensembles. Lünstedt fasst die Kritik so zusammen: Wer "die Mullahs" mit Theater entzücke, statt ihre Repressalien zu geißeln, sende "falsche Signale", um dann zu kontern: "Das internationale Fadjr-Festival in Teheran entzückt ein breites Publikum, ganz und gar nicht jedoch, wie der Tagesspiegel falsch vermutet, das Regime."
Das war ein Jahr vor den Massenprotesten gegen die Wiederwahl des konservativen Mahmud Ahmadinedschad. 2013 ist der als Reformer geltende Hassan Rohani erstmals zum Präsidenten gewählt worden. Im Mai 2017 wurde er wiedergewählt. Sie sagen, es ist viel passiert seitdem. Aber nicht genug.

Genehmigungen bekommen, Genehmigungen verlieren
Anfang Dezember fliege ich also nach Teheran, um die Route für den Audiowalk festzulegen. Nach 8 Tagen und etwa 150 Kilometern zu Fuß durch die Stadt, hab ich mit meinem Teheraner Begleiter eine schöne Strecke gelegt. Wir starten aus einem Park im Norden, nehmen die erst kürzlich eröffnete U-Bahn der Linie 3, zum ebenfalls erst kürzlich fertiggestellten und überraschend menschenleeren Vali Asr Square, dann durch ein Krankenhaus, über das Schwimmbadgelände eines Hotels, weiter durch deren Tiefgarage, setzen uns an einen Brunnen neben der Iranian Academy of the Arts, bevor wir auf dem Dach eines in der Nähe des City Theaters gelegenen Einkaufszentrums die Tour beenden. Ich fliege wieder nach Hause, und bis vor Weihnachten hat das Festival zu meiner großen Freude und Überraschung sämtliche Genehmigungen zusammen.
Im Dezember veröffentlicht die Rohani-Regierung konkrete Zahlen des Staatshaushaltes. Erstmals wird deutlich, dass der größte Teil der Gelder für religiöse Institutionen und Stiftungen, sowie für das Militär und die Revolutionsgarde ausgegeben wird. Daraufhin brechen Ende Dezember im ganzen Land Proteste aus. In kleinerem Umfang erreichen sie auch Teheran.

Unmögliches für Momente möglich
Als ich am 3. Januar zusammen mit zwei Sound Designern zur Produktionsphase wieder zurück bin, erfahre ich, dass alle Orte ihre Genehmigungen zurückgezogen haben. Was bleibt, sind der Park und die U-Bahn.
Wir gehen jetzt vom Vali Asr Square die lange Vali Asr Street hinunter, durchqueren nur noch ein Einkaufszentrum und enden auf dem Dach des City Theaters. Was vor allem fehlt, ist ein ruhiger, kontemplativer Ort, mit der Möglichkeit sich zu setzen. Wenn also schon nichts mehr funktioniert, probieren wir doch das Unmögliche. Direkt neben dem City Theater wird eine neue Moschee gebaut, die Vali Asr Moschee. Der Bau ist schon fertig, aber sie ist noch nicht in Betrieb. Von außen sieht sie gar nicht aus wie eine Moschee, eher wie eine moderne Bibliothek oder Kunsthalle, ohne Minarette.
Für ihren Bau musste das Parkhaus des Theaters weichen und für alle ist die Symbolik deutlich, dass die Moschee sich als Wächter direkt neben das Theater und dessen Vorplatz legt, auf dem auch diesmal die Demonstranten zusammenkamen.

Religion sticht aus
Da nach der Absage aller Orte jetzt alles sehr schnell gehen muss, hat uns das Ministerium, das ja Veranstalter des Festivals ist, einen "Türöffner" zur Seite gestellt. Ein freundlicher Mann Anfang 30, der jeden zu kennen scheint, mit den richtigen Papieren ausgestattet und vollkommen auf unserer Seite ist. Mit seiner Hilfe gelingt es, die Genehmigung für die Moschee zu bekommen. Da sie noch nicht eröffnet ist, können sich Männer und Frauen sogar gemeinsam auf den riesigen neuen Teppich legen und in den künstlichen Sternenhimmel der Deckenbeleuchtung schauen. Großartig! Was für ein Zeichen.
Eine Stunde vor unserer ersten Probe mit Publikum kommt dann der Anruf. Wir können doch nicht in die Moschee. Die Zusage des Bürgermeisters hat keine Gültigkeit mehr, da der Imam seine Meinung geändert hat. Religion sticht aus.
Dabei sind wir nicht die einzige Produktion, die sich dieses Jahr durch die Stadt bewegt. Erstmals werden eine Vielzahl von Produktionen und Formaten eingeladen und entwickelt, die die Theater verlassen und sich im öffentlichen Raum abspielen. Theater soll sichtbar werden, neue Formen sollen dem neugierigen Publikum präsentiert werden, oder besser, das Publikum soll an neuen Formaten teilnehmen können.
Dafür haben der Leiter des Internationalen Departments, Arvand Dashtaray, und der für die Abteilung Offstage zuständige Regisseur Hamid Pourazari, eine beeindruckende Auswahl an internationalen Künstlern eingeladen und neue Plattformen entwickelt. So gibt es erstmals ein ausgedehntes, zweimonatiges Residency-Programm zu den Feldern Site Specific Performance, Contemporary Choreography (in Iran ist Tanzen verboten), Multidisciplinarity und Working on Text, an dem rund 30 KünstlerInnen aus aller Welt teilnehmen und sich dabei mit Themen wie Public and Privat Spaces oder Water Crisis auseinandersetzen.
In einer Reihe von Panels referieren namhafte Theatermacher aus Deutschland, der Schweiz, Italien, Griechenland und Holland. U.a. spricht Susanne Kennedy über The Importance of Theatre in the Contemporary World, Heiner Goebbels über Musiktheater und alternative Dramaturgien, Brigitte Helbing fragt: Migration of theatre Artists: Decision or Necessity? Und Dries Verhoeven hält einen Vortrag mit dem Titel "Witness being Witnessed".

Mehr als ein Spiegel der Stadt
Im Festival zeigt Verhoeven auch eine Version seiner "Guilty Landscapes", einer virtuellen live Begegnung eines Zuschauers mit einem Menschen an einem völlig anderen Ort. War es einmal eine Fließbandarbeiterin in einer chinesischen Fabrik, so ist es hier ein Mensch in einem vom Krieg völlig zerstörten Stadtteil in Damaskus. Wenn man bedenkt, dass das Iranische Regime Assad unterstützt, wird die Brisanz dieser Produktion noch zusätzlich deutlich. Jérôme Bel zeigt seinen frühen Klassiker "Shirtology" und Eva Meyer-Keller mit "Death Is Certain" den ihren. Philippe Quesne ist mit "France" eingeladen und die Münchner Kammerspiele mit ihrem kunstbluttriefenden "Hamlet" in der Regie von Christopher Rüping. Und natürlich noch mehr. Viel mehr.
Vorbei die Zeiten als die internationalen Produktionen aus politischen Gründen überwiegend aus der Türkei und Polen kamen, Claus Peymann und Roberto Ciulli das deutsche Theater in Teheran vertraten und die Gastspielvorschläge des Goethe Instituts (das es im Iran offiziell nicht gibt) allesamt abgeschmettert wurden.

Progressive Festivalleitung
Die Festivalmacher gehen ein hohes persönliches Risiko ein, für ein Programm und ein Theaterverständnis, das es so in der Geschichte des Fadjr Festivals noch nicht gab. Sie sind allesamt hoch angesehene Theatermacher in Teheran, die mit dem Regime und der Kulturbehörde nichts zu tun haben wollen, sich aber dieses Jahr gesagt haben, wenn wir es nicht machen, dann machen es wieder die anderen. Es ist ein Zeichen der Entwicklung der letzten Jahre, dass dieses Jahr unter der Leitung von Farhad Mohandespour die progressivsten und interessantesten Theatermacher der Stadt die Festivalleitung inne haben. Ihnen kamen die jüngsten Proteste nicht gelegen, weil sie als Reaktion der konservativ religiösen Führung Rückschritte in der Entwicklung hin zu mehr Freiheit und Offenheit in der Kunst und im Privaten fürchten.

Und da das Leitungsteam des Festivals jedes Jahr von der Kulturbehörde neu ernannt wird, kann zur nächsten Ausgabe schon wieder alles anders sein.

 

Remote Tehran, 19. - 29.01.2018, Fadjr Festival


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