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Ich war 7 7 2 1 7 8

Rimini Protokoll beschäftigt sich in ¸¸Black Tie" mit Identität

Süddeutsche Zeitung, Peter Laudenbach, 19.12.2008, 3238 Zeichen

Auf die ewige Frage des Existenzphilosophen Robert Lembke "Was bin ich?" hat Miriam Yung Min Stein eine verblüffende Antwort: "Ich war 77 2178. Ich bin Park Yung Min." Vor einunddreißig Jahren, wenige Tage nach ihrer Geburt, wurde sie, eingewickelt in Zeitungspapier, vor das Rathaus in Seoul, Südkorea, gelegt. Die "77" in der Nummer, die die Behörden dem namenlosen Säugling gaben, steht vermutlich für das Jahr 1977. Ihr Name Park Yung Min ist genau so unpersönlich. Der Beamte, der ihn sich ausdachte, hat ihn einfach aus den häufigsten koreanischen Namen zusammengesetzt, "wie Sabine Müller oder Erika Mustermann", sagt Park Yung Min, die heute Miriam Stein heißt. Sie steht auf der Bühne des Berliner HAU und ist Teil einer Theaterinszenierung der Regisseure Helgard Haug und Daniel Wetzel. "Black Tie" heißt das neue Stück des Regie-Kollektivs Rimini Protokoll.

Aber was Miriam Stein erzählt, ist kein Theaterstück, sondern ihr Leben: "Ich werde an diesem Abend 276 Mal ,ich" sagen und nie genau wissen, wen ich meine." Wer nur eine Nummer und einen Allerweltsnamen mit auf den Weg bekommt und nicht einmal weiß, wer der Passant war, der den Säugling gefunden hat, der man einmal war, hat mit dem Herstellen einer wie auch immer brüchigen und in sich widersprüchlichen Identität einiges durchzuarbeiten. Die Namenswechsel von 77 2178 über Park Yung Min bis zu Miriam Stein sind bei dieser vertrackten Identitätskonstruktion noch das kleinste Problem. Der Länderwechsel ist schon komplizierter.

Aufgewachsen ist das koreanische Kind bei deutschen Adoptiveltern in Osnabrück: "Ich bin im Alter von neun Monaten gelandet." Das hat Konsequenzen: "Du siehst nur Leute, die deutsch aussehen. Du siehst in den Spiegel und siehst anders aus, als Du Dich fühlst. Du hörst immer wieder: Du musst dankbar sein."

Ein Paradox dieses Theaterabends über etwas so Intimes wie die Brüche in einer Biographie ist, dass er eben ein Theaterabend, also etwas genuin Öffentliches ist. Die Fotos, die Miriam Yung Min Stein auf der Bühne von ihren deutschen Adoptiveltern zeigt, sind gleichzeitig denkbar privat und Teil einer größeren, also öffentlichen Geschichte. Umgekehrt könnte nichts persönlicher, intimer und verletzender sein als die trockenen Fakten, die sie über das koreanische Adoptions-Geschäft und seine Voraussetzungen referiert: Eine Gesellschaft, in der uneheliche Kinder als moralischer Skandal gelten, ein Land, das seine ausgesetzten Säuglinge in westliche Länder entsorgt, Hilfsorganisationen, die Europäern und US-Amerikanern Kleinkinder aus koreanischen Waisenhäusern besorgen und damit den Säuglings-Export organisieren. Praktisch für Südkorea, schön für die Adoptiveltern.

Miriam Stein breitet die Fakten nüchtern und gänzlich unlarmoyant aus. So trocken sie über das weltweite Adoptionsbusiness spricht, so deutlich wird seine Obszönität: "Angelina Jolie hat die Preise für afrikanische Babys versaut." Dass man dabei als Zuschauer nicht zum Voyeur wird, liegt zum einen an der beeindruckenden Miriam Stein selbst, die extrem reflektiert, auch spöttisch und polemisch, aber frei von Selbstmitleid ihr eigenes Leben in einen größeren Kontext einschreibt. Scheinbare Selbstverständlichkeiten wie die, dass Adoptiveltern Dankbarkeit erwarten können, bricht sie mit Intelligenz, Wut und Genauigkeit auf. Und es liegt am Rahmen, den die Inszenierung setzt - zum Beispiel mit Auftritten eines Musikers und einer zweiten, in Berlin lebenden Koreanerin sowie mit einem Bühnenbild, das den von Craig Venter entschlüsselten Gen-Code zeigt.

Das Rimini-Stück ist bei aller dokumentarischen Klarheit alles andere als eine klebrige öffentliche Selbstanalyse, sondern eine durchkomponierte Performance, in der es auf vielen Ebenen darum geht, was das eigentlich ist: Identität.

PETER LAUDENBACH

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