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Schief geht leicht was

Stefan Kaegis "Torero Portero" mit argentinischen Hausmeistern

Sueddeutsche Zeitung, Silvia Stammen, 24.10.2003, Zeichen


Mit seinem Walkman-Parcours "Kanal Kirchner" war er der heimliche Star des letzten Spielart-Festivals. Wer damals allein, nur mit der Flüsterstimme des verschwundenen Bibliothekars Bruno Kirchner im Ohr, durch Haidhausen irrte, verfolgt von als Passanten getarnten Undercover-Agenten, und zuletzt nur knapp aus dem Labyrinth der Tiefgarage unter dem Gasteig entkam, wird dieses Erlebnis nicht so schnell vergessen. Dass Wirklichkeit weniger mit objektiver Wahrheit als mit subjektiver Wahrnehmung zu tun hat, ist nichts Neues. Aber kaum einer macht das auf so amüsante Weise zum Thema wie der Schweizer Regisseur, Hörspielautor und Absolvent der Gießener Angewandten Theaterwissenschaft Stefan Kaegi. "Es geht mir um die Nichtwiederholbarkeit", so Kaegi, der gerade in Krakau an einem begehbaren Roman arbeitet, wo der "Leser" durch die ganze Stadt geschickt wird. _Theater ist für mich immer dann interessant, wenn etwas schief läuft. Das Kunsthandwerk, dass man an deutschen Schauspielschulen lernt, sehe ich da eher als Hindernis." So verzichtet Kaegi auf professionelle Darsteller und arbeitet lieber mit Laien, Tieren oder Zufällen. Für das Projekt "Torero Portero", das 2001 mit Unterstützung des Goethe-Instituts im argentinischen Cordoba entstand und im vergangenen Jahr bei Theater der Welt in Köln zu sehen war, schaltete er die Stellenanzeige _Theater sucht Pförtner", worauf sich eine Menge arbeitsloser Portiers für einen ruhigen Job am Bühneneingang bewarben. Doch daraus wurde nichts. Kaegi suchte sich die aus, die am meisten zu erzählen hatten, und ließ sich vom Leben vor den Türen der Schönen und Reichen berichten. Daraus und mit Zutaten aus einem Hollywood-Streifen, in dem es Michael J. Fox vom Hausmeister zum Hotelbesitzer bringt, bastelte er eine lose Szenenfolge, die sich aus den verschiedenen Funktionen argentinischer "botones" vom Klempner bis zum gefürchteten Spitzel nährt und mit der die drei Auserwählten bereits erfolgreich um die halbe Welt getourt sind. Besonderer Clou der halbdokumentarischen Konstruktion: Die Akteure befinden sich draußen auf der Straße und werden von Vorbeigehenden kaum als solche wahrgenommen, während die Zuschauer, die im Schaufenster eines Ladenlokals sitzen, die Szene über Mikros mitverfolgen können ˆ für Kaegi eine logische Umkehrung der Verhältnisse: _Mich interessiert der Blick durch Fensterscheiben nach draußen, weil wir ja gewohnt sind, auf den Fernseher zu starren. Manchmal würde ich auch im Theater am liebsten die Rückwand der Bühne aufmachen, um die Realität reinzulassen." Was sich in der Müllerstraße 42, wo sich das Publikum in einer leer stehenden Bankfiliale versammelt, an Unvorhergesehenem ereignen wird, weiß natürlich niemand. "Das ist jedes Mal ein komplett anderes Stück", meint Kaegi. So ergab sich in Köln bei der Premiere ein unverhofft internationales Schlussbild, als Fans der türkischen Fußballnationalmannschaft, die gerade ein WM-Spiel gewonnen hatte, die feiernden Pförtner als Ihresgleichen identifizierten. Eines ist sicher: Weil alles möglich ist, kann eigentlich nichts schief gehen. (5.-11. November.)

SILVIA STAMMEN

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