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Die neue Freundlichkeit

"Torero Portero" und die "Dakar Trilogie" bei Spielart

Sueddeutsche Zeitung, Egbert Tholl, 01.01.1970, Zeichen

Manchmal hat man ja den Eindruck, der Künstler ist der natürliche Feind des Publikums: je kryptischer, brutaler, blöder, desto besser. Sollen sie doch leiden, die komischen Figuren im Dunkel da draußen, ich sehe sie nicht, ich höre sie nicht, und wenn sie am Schluss buhen, dann ist es eh schon zu spät.

Spielart ist anders. Wenn man gegen Ende des Festivals immer noch nach einer grundlegenden, integrierenden Programm-Idee sucht, dann fällt einem zunehmend eine auf: soziale Kompetenz. Zwei Musterbeispiele in dieser Hinsicht bilden Stefan Kaegi und die Compagnie Dakar. Theater, das einfach da ist. Da spielt es keine Rolle, dass sich beide Produktionen an gegenüberliegenden Enden einer theoretischen Skala der Schauspielkunst bewegen.

Kaegi, der heimliche Star der letzten Spielart, arbeitet ja auch gar nicht mit Schauspielern. Mit Hilfe des Goethe-Instituts wählte er in Argentinien drei arbeitslose Pförtner ("Porteros") aus, mit denen er die Welt bereist und wunderliche Dinge treibt. Die Besetzung ist hinreißend, Tomas Gonzalo Kenny etwa, unendlich cool mit Fernseherbrille und altem Anorak, müsste man erfinden, wenn er nicht schon da wäre. Er steht mit seinen Kollegen vor dem Schaufenster einer ehemaligen Bank in der Müllerstraße. Das Publikum sitzt drinnen, sieht zunächst einen (zu langen) Filmausschnitt, die Hollywoodisierung des Pförtnerdaseins, bis sich die Jalousie langsam hochrollt und das Verschwinden der Projektionsfläche den Blick auf den wahren Film des Lebens freigibt. In Argentinien gebe es so wenig Arbeit, dass man die Arbeiter bald ins Museum stellen werde, um künftigen Generation zeigen zu können, dass es so was mal gab. Hier kehrt sich die Situation um. Das Publikum sitzt ihn der Vitrine, die Porteros sind die aktiven Zuschauer, die auch mal Passanten irritieren, der eiserne Vorhang ist die Trambahn, die vorüberfährt. Sie separiert die gymnastischen Übungen der drei, ihre Geschichten aus dem Pförtnerleben: Studenten sind schlechte Mieter, weil sie mit Wasser gefüllte Luftballons aus dem Fenster werfen. Was tun die Porteros? Sie werfen mit Wasser gefüllte Luftballons ans Fenster.

Während Kaegi Theater-, Film- und Schauspielverabredung liebevoll umdreht, lässt einen die Compagnie Dakar aktiv an der Diskussion darüber teilhaben. (...) Am Ende hört man die Arie des Nadir aus Bizets "Perlenfischern": Das Entzücken menschlicher Erinnerung nimmt man tönend mit nach Hause.

EGBERT THOLL

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